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Mareike Fahr

Die Verbindungen der Hanse als Netzwerk von Musik und Musikern (1557–1669)

Wie in den Bereichen der Politik, der Migrations- und der Mentalitätsgeschichte nahm der hansische Fernhändler- und Städtebund auch Einfluss auf das Musikleben seiner Zeit. So wurde am 13. Oktober 1603 für den russischen Kanzler Afanasij Ivanovic Vlas’jev, der auf seinem Rückbesuch der Hansestädte in Begleitung des dänischen Königs Christian IV nach Hamburg kam, eine eigens für diesen Anlass komponierte Ballettmusik dargeboten. Dieser Fall ist wohl der konkreteste, in dem sich die Hanse – gleichsam als Auftraggeberin in Erscheinung tretend – als Dreh- und Angelpunkt für die Komposition eines musikalischen Werkes erweist. Auch fast 70 Jahre später ist es erneut der Kontakt mit dem entfernten Russland, der schon den Zeitgenoss:innen selbst den kulturellen Transfer bewusst werden lässt. Auf einem erneuten Russlandbesuch von hansischen Delegierten formulierte 1672 der Lübecker Philip Vinhagen, Vorsteher des Außenkontors in Nowgorod, nach einer diesmal in Moskau stattgefundenen Ballettaufführung das, was dieses Dissertationsvorhaben systematisch zu ergründen sucht, nämlich musikalische Transformationsprozesse en Detail dingfest zu machen: „Sie [die Russen] endern mancheß in allen ihren wercken. Es scheint, sie lernen es von den außlendern“.

Allerdings ist nicht jeder Fall eines Bezugs zur Hanse seitens musikalisch tätiger Akteure oder musikalischer Objekte so eindeutig. Und doch hat die hansische Infrastruktur maßgeblich dazu beigetragen, dass beispielsweise englische Gambisten vom westlichsten Außenkontor über Hamburg auf den Kontinent und primär in norddeutsche Städte gelangten oder zahlreiche Organisten aus dem Ostseeraum ihre Söhne zum europaweit berühmten Lehrer Jan Pieterzoon Sweelinck nach Amsterdam in die Ausbildung schickten – ebenfalls ein zentraler Ort des hansischen Fernhandels. Auch gibt es Beispiele dafür, dass Komponisten ihre Werke allem Anschein nach planvoll Kaufleuten widmeten, um an begehrte Anstellungen zu gelangen. Und nicht zuletzt hat der über Jahrhunderte stabile monetäre Wohlstand der Kaufleute auch zu einem gesteigerten kulturellen Repräsentationsbedürfnis geführt, das in Anlehnung an höfische Sitten ab dem späten 16. Jahrhundert auch bei Stadtbürgern zu zahllosen privaten, bei städtischen Musikern in Auftrag gegebene Tauf-, Hochzeits- oder Trauermusiken geführt hat.

Die Ebenen, auf denen sich die Bedingtheit des kulturellen Lebens von dem ökonomischen Städtebund manifestiert, erstrecken sich somit von soziologischen Fragen der Organisation von städtischen Musikergruppen über hermeneutische Gesichtspunkte in stilistischen Bezugnahmen bis hin zu ökonomischen Vorgängen von Widmung, Anstellung und Ausbildung. Viele solcher Phänomene sind in Einzelstudien erfasst und durchaus bekannt; nur sind diese nie in Beziehung zu dem größeren Kontext der Verbreitung von Musik und Musikern im Raum der Hanse durch deren unter anderem infrastrukturelle Voraussetzungen gesetzt worden.

Entsprechend ergibt sich der zu betrachtende Zeitraum aus drei einhergehenden Phänomenen: erstens aus dem musikalischen Quellenkorpus von Einzel- und Sammeldrucken; diese Innovation erreichte nach dem ersten Notendruck 1500 in Venedig zur Jahrhundertmitte den Ostseeraum. Zweitens ist ein entsprechend signifikanter Anstieg an Musikermigration in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu beobachten, der eng mit der Institutionsgeschichte der Hanse zusammenhängt, da sich die Hanse – drittens – zwei Jahre nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 durch eine Konföderationsvereinbarung erst zu dem Städtebund institutionalisierte, der heute gemeinhin die Vorstellung der Hanse bestimmt. Hierdurch wurde der ökonomische Bund seitens der aufkommenden Nationalstaaten juristisch greifbarer und damit nicht zuletzt für Kulturschaffende anderer Herkunft ein attraktiveres Migrationsziel. 1669 fand der letzte Hansetag statt, der bis dahin regelmäßig stattfindenden Zusammenkünfte von Vertretern der Hansestädte.

Unter einem interdisziplinären Dach von Musikwissenschaft, Hanseforschung und Historischer Netzwerkforschung soll die Dissertation erstmals die vielfältigen Ausprägungen der Bedingungen und Bedingtheit des musikalisch-kulturellen Lebens und Schaffens von dem durch den netzwerkbasierten Fernhandel geprägten Leben und Denken im Raum der Hanse in den Blick nehmen. Dafür soll im ersten Schritt systematisch die räumliche Verbreitung von musikbezogenen Personen, Artefakten und Strömungen betrachtet werden, um darauf aufbauend inhaltlich-analytische Folgen für die Musik selbst herausarbeiten zu können. So kann nicht nur die Beförderung von Musikern, Instrumenten und Kompositionen entlang der hansischen Handelswege nachvollzogen, sondern auch eine möglicherweise modale Auffassung der Komponisten, Rezipienten und Ausführenden ihrer Kunst zum Vorschein gebracht werden.

 

Mareike Fahr M.A. studierte Musikwissenschaft und Anglistik an der Universität Hamburg. Während des Studiums arbeitete sie von 2017 bis 2020 in den DFG-geförderten Forschungsprojekten „Thomas Selle – Opera omnia“ zu dem maßgeblichen Hamburger Komponisten des ausgehenden Dreißigjährigen Krieges, in deren Zuge sie zwei Tagungen zur geistlichen Musik im 17. Jahrhundert sowie zur musikalischen Editionspraxis mitorganisierte. Sie promoviert am Lehrstuhl für Musikwissenschaft der Hochschule für Musik und Theater Rostock bei Prof. Dr. Friederike Wißmann und wird seit Januar 2021 vom ZKFL gefördert.

E-Mail: mareike.fahr@student.uni-luebeck.de

 

Abbildung: Gelegenheitskomposition von Johann Vierdanck (Stralsund) zur Hochzeit des Musikers Dietrich Hilmer Hoyul mit Barbara Oland, der Witwe des Kaufmanns Matthias Markow (Stralsund), 1643, S-VX, Musik 15-1600 18:1-4