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Christine Roth

Traditionsbindungen in der lutherischen Musikkultur des 16. Jahrhunderts: Studien zu Repertoire und Kontexten in Norddeutschland

Die Entstehung eines musikalischen Gedächtnisses wird im musikwissenschaftlichen Diskurs als Folge des in der Mitte des 18. Jahrhunderts aufkommenden Werkkonzeptes sowie der sich in dieser Zeit entwickelnden Museumskultur betrachtet. Musik als ephemere Kunst fand zu diesem Zeitpunkt Eingang in das „imaginary museum of musical works“, wie Lydia Goehr den Kanon jener musikalischen Werke der Vergangenheit beschreibt, die heute Teil des kulturellen musikalischen Gedächtnisses und der Konzertkultur sind. Inwieweit es ein musikalisches Bewusstsein für Werke der Vergangenheit gab, ist für die Zeit vor der Mitte des 18. Jahrhunderts noch ein Desiderat der musikwissenschaftlichen Forschung. Die Entstehung des Luthertums als neuer Konfession im Zuge der Reformation ging mit einem Aufschwung historiographischer Werke einher. Das Dissertationsprojekt untersucht daher die Formierung eines musikalischen Gedächtnisses, das damit verbundene Traditionsverständnis der Lutheraner und dessen Funktion als identitätsstiftendes Element der sich neuformierenden Kirche dieser Zeit.

Der Fokus des Promotionsprojekts liegt auf dem norddeutschen Raum, insbesondere auf Lübeck in vergleichender Betrachtung mit anderen, vorwiegend hanseatischen Städten. Diese Städte zeichnen sich durch die frühe Durchsetzung der Reformation und eine gute Quellenlage an Musikhandschriften aus. Die fortgesetzte Verwendung musikalischer Gattungen nach der Reformation oder die Kontinuität aufführungstechnischer Gewohnheiten und kompositorischer Stile, wie sie etwa Joseph Herl feststellt, ist bisher kaum erforscht. Sie stehen im Zentrum des Dissertationsprojektes und werden vor dem Hintergrund der frühneuzeitlichen Konzepte zu Brauch, Tradition und Geschichte betrachtet, da diese in Wechselwirkung mit den musikhistoriographischen Ansätzen dieser Zeit stehen.

Die Erforschung und Kontextualisierung der bisher nicht oder nur marginal untersuchten Musikhandschriften wird einen Einblick in die musikalische und liturgische Praxis des 16. Jahrhunderts in Lübeck und im norddeutschen Raum und deren Verhältnis zur vorreformatorischen Zeit geben. Überdies wird die vergleichende Betrachtung verschiedener Fallbeispiele eine Bewertung des musikalischen Vergangenheitsbewusstseins in der lutherischen Musikkultur ermöglichen. Im Zentrum der Betrachtung stehen dabei die Bereiche der kirchlichen und schulischen Musikpflege ebenso wie Fragen nach musikalischer Sammlungstätigkeit. Die Untersuchung der Ausbildung eines kulturellen, musikalischen Gedächtnisses bereits vor dem 18. Jahrhundert wird ein umfassenderes Verständnis kultureller Erinnerungskultur und Identitätsbildung im 16. Jahrhundert sowie musikalischer Traditionsbindung und Kanonbildung insgesamt erlauben.

Dieses Forschungsvorhaben ist Teil des HERA-Projektes „Sound Memories: The Musical Past in Late-Medieval and Early-Modern Europe“, das die Ausbildung eines musikalischen Gedächtnisses vom Spätmittelalter bis zur frühen Neuzeit erforscht und mit dem ein enger methodischer und inhaltlicher Austausch besteht. Darüber hinaus ist das Promotionsprojekt mit in Heidelberg ansässigen LGF-Promotionskolleg  „Was ist Tradition?“ sowie dem Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck assoziiert.

Christine Roth studierte Musikwissenschaft und Französische Philologie an der Universität Heidelberg und am King’s College London (Erasmus). Sie schloss ihr Studium 2016 mit einer Masterarbeit über politische Narrative in Barbe-Bleue Opern des späten 18. und des 19. Jahrhunderts ab. Von 2016 bis 2018 war sie als Tutorin für Musikgeschichte am Musikwissenschaftlichen Seminar Heidelberg tätig. Seit Juli 2016 forscht sie Akademische Mitarbeiterin im HERA-Forschungsprojekt „Sound Memories: The Musical Past in Late-Medieval and Early-Modern Europe“ an den Universitäten Heidelberg und Zürich. Mit ihrem Promotionsvorhaben ist sie seit Oktober 2016 am LGF-Promotionskolleg „Was ist Tradition?“ affiliiert sowie seit Januar 2018 am Zentrum für kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck assoziiert. 2017 erhielt sie ein zweimonatiges Forschungsstipendium der Rolf und Ursula Schneider-Stiftung, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, das mit einem dreimonatigen Fortsetzungsstipendium (Jul./Aug. 2018 und Jan./Feb. 2019) verlängert wurde.

Publikationen

„Das Lied Ein feste Burg im Schaffen des Michael Praetorius. Von der Aktualisierung musikalischer Traditionen", in: Kulturelle Wirkungen der Reformation/Cultural impact of the Reformation. Kongressdokumentation Lutherstadt Wittenberg August 2017 (LStRLO, 36), hg. von Klaus Fitschen u.a., Leipzig 2018, Bd. 1, S. 345-353.
„Atys (Jean-Baptiste Lully)“. In: Lexikon Traumkultur. Ein Wiki des Graduiertenkollegs „Europäische Traumkulturen“. traumkulturen.uni-saarland.de/Lexikon-Traumkultur/index. php/"Atys"_(Jean-Baptiste_Lully). 2017.
„Lutheri cantilenae und odae ecclesiasticae: Traditionsdeutungen bei David Chytraeus und Franz Eler“. In: Das musikalische Erbe der Reformation. München: hg. von Moritz Kelber, Franz Körndle, Alanna Ropchock. [in Vorbereitung].
Unveröffentlichte wissenschaftliche Vorträge
Vom Bewahren in Bibliotheken: die Schweriner Musiksammlung des Herzogs Johann Albrechts I. Tradition und Traditionsverhalten. Literaturwissenschaftliche und kulturelle Perspektiven. Interdisziplinäre und internationale Fachtagung. Heidelberg, 5. Okt. 2018.
Canonisation in Lutheran repertoire in public and private education: the case of Luneburg. Medieval and Renaissance Music Conference. Maynooth, 5. Juli 2018.
The role of the past in Lutheran music and liturgy. A commentary on David Chytraeus’ agenda of 1578. HERA Uses of the Past: Sound Memories conference. Sound Memories: The Musical Past in Late-Medieval and Early-Modern Europe. Utrecht, 28. Mai 2018.
Ein musikalisches Stammbuch als Dokument lutherischen Traditionsverhaltens. Winterschool „Luther und die Künste“. Tübingen, 5. Okt. 2017.
Constructing authority and identity through tradition and change: The manuscript Luneburg KN 150. Medieval and Renaissance Music Conference. Prag, 8. Juli 2017.
Retrospektiv oder innovativ? Überlegungen zu Repertoire und Musikverständnis im norddeutschen Luthertum. Gemeinsames Forschungskolloquium „Musik vor 1600“ der Institute für Musikwissenschaft Weimar-Jena und Mainz. Weimar, 12. Mai 2017.
Materialität und Tradition: Autoritätsstiftende Strategien in lutherischen Kantionalien des 16. Jahrhunderts. Interdisziplinärer Workshop „The Authority of Materiality“ der Projekte „Sound Memories: The Musical Past in Late-Medieval and Early Modern Europe“ (HERA) und „Materiale Formierungen musiktheoretischer Konzepte“ (B11, SFB 933). Heidelberg, 2. Dez. 2016.
Programmhefte
Programmhefte für Trifolion Echternach/Luxemburg, Collegium Musicum der Ruprecht-Karls- Universität Heidelberg, Gesellschaft der Musik- und Kunstfreunde Heidelberg, Musikkollegium Winterthur/Schweiz, Klosters Music Festival/Schweiz.