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Massenhaft Briefe: Strukturen einer Kulturtechnik

Summerschool am ZKFL vom 14. bis 17. September 2020

Der Brief ist tot. Schon vor hundert Jahren diagnostizierte Stefan Zweig das Ende des Briefes, weil die Kunst der Beiläufigkeit verloren gehe, einen Brief „ohne die Prätension eines Geschenks“ zu schreiben. Solcherlei ephemere Kommunikation scheint heute vollständig an digitale Medien delegiert zu sein. Aber Totgesagte leben bekanntlich länger und Briefe führen heute ein intensives Nachleben in Archiven und Museen. Das war der Ausgangspunkt der Summerschool des Zentrums für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck. Im Fokus standen Briefe als materielle Objekte, als Medienformat, als Textgattung oder als serielle Quellen – im Unterschied zum oft überinterpretierten Einzeltext. Dabei sollte es um die verwendeten Beschreibstoffe und Schreibutensilien, um Formatierungen durch Papiergrößen und Umlaufzeiten gehen, aber auch um den Brief als Konvolut, um Korrespondenz-Netzwerke, Geschäftsbriefe und Kettenbriefe, um Briefe, die von verschiedenen Personen gelesen wurden und nach mehreren Stationen eine neue Karriere als Museumsobjekt begannen. Weil dieser besondere Blick auf das Medium motiviert ist von den aktuellen Umbruchprozessen, wollten wir auch die erst im Medienwandel zur Digitalisierung hervortretenden Eigenarten für eine Neubesichtigung dieser scheinbar vertrauten Gattung nutzen.

Die vier Arbeitstage der Summerschool waren jeweils einem Thema gewidmet: Materialität, Netzwerke, Zirkulation und Narrativität. Dabei wollten wir unter anderem diesen Fragen nachgehen:

  • Welche Rolle spielen die Art und das Format des Briefpapiers, die Handhabung von Schreibgeräten oder der Wechsel von der Handschrift zum Apparat? (Materialität)
  • Wie stiften Briefe Verbindlichkeit, wie stabilisieren sie Netzwerke und welche Eigenschaften lassen sie zu Konvoluten werden? (Netzwerke)
  • Welche Wege legen Briefe von der ersten Idee bis zum abgeschickten Stück zurück, welche Passagen durchlaufen sie nach dem Eintreffen beim Empfänger und welche weiteren Schichten eines Nachlebens lassen sich an ihnen sichtbar machen? (Zirkulation)
  • Welche Vorentscheidungen sind bereits gefallen, bevor ein konkreter Inhalt zu Papier gebracht wird, und wie schreiben Kontexte sowie paratextuelle Elemente am Inhalt mit? (Narrativität)

Die Summerschool wurde von den Stipendiat:innen  des ZKFL organisiert. Im Rahmen der Summerschool findet noch bis zum 17. Oktober 2020 die Ausstellung „a BRIEF history“ am Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck (MHL) statt, an der sich in einem Gemeinschaftsprojekt die dem ZKFL zugehörigen Museen und Archive beteiligen.

Wegen der Corona-bedingten Einschränkungen für wissenschaftliche Veranstaltungen fand die Summerschool als ZKFL-interner Workshop statt.

Die Ergebnisse und Dokumentationen der Veranstaltung finden Sie hier im Blog der Summer School 2020.