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Mai-Britt Wiechmann

The Printers‘ Influence. Publishing, Piety and the Passion of Christ in Lübeck around 1500

Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern war in vielerlei Hinsicht eine Innovation. Ob sie aber auch eine Medienrevolution auslöste, ist bis heute Streitpunkt der Wissenschaft. Kaum ein Beispiel eignet sich besser, diese Frage zu beantworten, als der Lübecker Buchdruck um 1500. 1474 wurde Lübeck zum ersten Druckzentrum in Norddeutschland mit einem außergewöhnlich hohen Anteil religiöser Schriftlichkeit und einem ebenso außergewöhnlich hohen Anteil an Literatur in der mittelniederdeutschen Volkssprache. Ein Thema steht dabei im Vordergrund: die Passion Christi, die zu dieser Zeit auch in der städtischen Frömmigkeit besonders präsent war. Anhand des Fallbeispiels Lübeck, seiner Druckproduktion und der Passion widme ich mich zwei Fragen, nämlich 1) der Wechselwirkung zwischen frühem gedruckten Text und seinem Wirkungskontext, und 2) der Rolle, die der Drucker in dieser Beziehung innehat.

Diese Wechselwirkung möchte ich anhand von drei konkreten Fallbeispielen demonstrieren, die allesamt höchst aktuell in der Lübecker Frömmigkeitsgeschichte um 1500 waren: die Einführung des Festes der compassio Mariae, dem Mitleid Mariens mit ihrem leidenden Sohn; die Verehrung der heiligen Birgitta von Schweden, deren Offenbarungen die Vorstellung von der Kreuzigung entscheidend mitprägten; und der Kult um den Rosenkranz, dessen Inhalte ebenfalls oft auf die Passion zurückgreifen.

Diese Themen sind auch in der Druckliteratur populär. Auffällig ist dabei der selbstbewusste Umgang der Lübecker Drucker mit ihren Werken: Sie bestimmten nicht nur über die äußere Form eines Textes durch Format, Layout und Bedruckstoff, sondern nahmen durch sprachliche Anpassungen, Illustrationen, Kompilation und sogar durch Eingriffe in den Text selbst auch wesentlichen Einfluss auf seine Aussage und Funktion. Damit traten sie neben die Verfasser der Texte und schrieben sich selbst aktiv in den Diskurs um die städtische Frömmigkeit ein. Nachvollziehbar wird dieser Druckereinfluss im Vergleich verschiedener Auflagen und Bearbeitungen eines Textes.  

Das Projekt zielt auf die Schnittstelle von Materialität, Medialität und Mentalitätsgeschichte, die im gedruckten Buch zusammenkommen. Mit seinem literaturwissenschaftlich-historischen Ansatz bietet es nicht nur einen Beitrag zur niederdeutschen Literaturgeschichte, sondern auch einen ersten Zugriff auf die Wechselbeziehung zwischen früher Druckliteratur und ihrem Wirkungsumfeld und auf die Einflussmöglichkeiten des Druckers. Durch seine überregionale Strahlkraft eröffnet das Fallbeispiel Lübeck neue Sichtweisen auf die Hanse als kulturelles und literarisches Netzwerk.

Kurzvita

Mai-Britt Wiechmann studierte von 2011 bis 2018 zunächst Theologie, Geschichte und Mittellatein, dann Mittelalter- und Renaissance-Studien mit den Fächern Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Göttingen. Während ihres Studiums war sie an verschiedenen, teils internationalen, Forschungsprojekten beteiligt und war für mehrere Museen tätig. Seit Herbst 2018 promoviert sie bei Prof. Dr. Henrike Lähnemann an der University of Oxford/Somerville College, gefördert vom Oxford Thatcher Scholarship Trust und der Studienstiftung des deutschen Volkes. Seit Anfang 2019 ist sie assoziiertes Mitglied am ZKFL.

Vorträge

„Bi dem kruce Ihesu stund Maria. Das Mitleid Mariens in Lübecker Buchdruck und Frömmigkeit um 1500“, Landeshistorisches Kolloquium und Altgermanistisches Kolloquium (Göttingen, 18.12.2019).
„Das ‚Lob der Druckkunst‘. Druckprogramm und Selbstpräsentation in Lübeck um 1500“, Internationales Graduiertentreffen Oxford/Freiburg/Fribourg/Genf (Oxford, 01.–04.05.2019).
„Pilgerspuren. Birgitta von Schweden in Norddeutschland“ (gemeinsam mit Henrike Lähnemann, Elizabeth Andersen), Tagung „Pilgerfahrten und Wallfahrtskirchen zwischen Weser und Elbe“, Leitung: Dr. Hartmut Kühne (Lüneburg, 03.–05.04.2019).
„Ego promitto…. Funktionen und Funktionswandel der Professzettel aus den Lüneburger Klöstern“, 2. Arbeitsgespräch „Auf den Spuren klösterlicher Textarbeit“, Leitung: PD Dr. Simone Schultz-Balluff, Wolfgang Brandis (Kloster Wienhausen, 07.–08.12.2018).
„Der Vorsmak unde vrokost des hemmelischen paradises (GW M29642) – Typisch lübisch!“, Internationale Tagung „Gutenberg 550. Ergebnisse und Perspektiven der Inkunabelforschung“, Leitung: Dr. Falk Eisermann (Alfried-Krupp-Kolleg Greifswald, 28.–30.06.2018).
„Köln oder Münster? Die Vorlagen des Vredener Liber Ordinarius diskutiert am Beispiel der Fronleichnamsliturgie“, Abschlusstagung Essener Arbeitskreis zum Frauenstift, Leitung: Prof. Dr. Klaus Gereon Beuckers, Prof. Dr. Thomas Schilp (Mülheim/Ruhr, 04.–06.11.2016).
„Pilgrimages to the relics of the Lord. The two Cistercian Convents Mariengarten and Wienhausen and their Holy Blood”, Workshop „Practising Love of God“, Leitung: Prof. Dr. Hedwig Röckelein, Dr. Galit Noga-Banai (Kloster Wienhausen, 30.09.–02.10.2013).

Publikationen

Professurkunden aus Lüneburger Frauenklöstern. Funktionen und Funktionswandel einer Textgattung im Spiegel ihrer Materialität, in: Spuren klösterlicher Textarbeit, hg. v. Simone Schultz-Balluff, Wolfgang Brandis (in Vorbereitung).
Diverse Katalogbeiträge, in: Pilgerspuren im Norden. Ausstellung an den Museen Lüneburg und Stade, 21.06.–01.11.2020, hg. v. Hartmut Kühne (in Vorbereitung).
Sterbevorbereitung und guter Tod im frühen Lübecker Buchdruck: Der Vorsmak unde vrokost des hemmelischen paradises, in: Schriften und Bilder des Nordens. Niederdeutsche Medienkultur im späten Mittelalter, hg. v. Falk Eisermann, Christine Magin, Monika Unzeitig (ZfdA Beiheft 28), Stuttgart 2019, S. 101–130.
Witnesses of Passion in Cistercian Houses. The Veneration of Christ’s Relics in Walkenried, Mariengarten and Wienhausen, in: Devotional Cross-Roads: Practising Love of God in Medieval Jerusalem, Gaul and Saxony, hg. v. Galit Noga-Banai, Hedwig Röckelein, Göttingen 2019, S. 125–160.
Köln oder Münster? Die Vorlagen des Vredener Liber Ordinarius, diskutiert am Beispiel der Fronleichnamsliturgie, in: Fragen, Perspektiven und Aspekte der Erforschung mittelalterlicher Frauenstifte, hg. v. Klaus Gereon Beuckers, Thomas Schilp (Essener Forschungen zum Frauenstift 15), Essen 2018, S. 339–348.
Diverse Katalogbeiträge, in: Schatzhüterin – 200 Jahre Klosterkammer Hannover. Katalog des Niedersächsischen Landesmuseums Hannovers zur gleichnamigen Sonderausstellung, 20.04.–12.08.2018, hg. v. Katja Lembke, Jens Reiche, Dresden 2018.
Beschreibung der Handschrift Cod. Guelf. 17 Noviss. 12°, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, nach den DFG-Richtlinien zur Handschriftenbeschreibung, März 2015; veröffentlicht in der Handschriftendatenbank: diglib.hab.de (14.12.2018).
[mit Daniel Berger et al.]: Zwei originale Papsturkunden des 13. Jahrhunderts für Braunschweig und Halberstadt aus dem Diplomatischen Apparat der Universität Göttingen, in: Göttinger Jahrbuch 63 (2015), S. 5–12.

Stipendien

seit 01/2019    Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck (assoz. Mitgl.)
seit 12/2018    Studienstiftung des deutschen Volkes e.V. (Promotionsstipendium)
seit 10/2018    Oxford-Thatcher Graduate Scholarship (Promotionsstipendium)
04/2014-06/2018    Studienstiftung des deutschen Volkes e.V. (Studienförderung)