Skip to main content

Kim Sulinski

Emblemata in norddeutschen Bürgerhäusern des 16.–18. Jahrhunderts. Sinnbilder im Profanraum zwischen Selbstinszenierung, Naturphilosophie und Moraldidaktik

Verrätseln, entschlüsseln, weiterdenken – so könnte man die zentralen Komponenten des Emblems zusammenfassen. Seit dem späten 16. Jahrhundert wurden Embleme gezielt als Sprach-Bilderrätsel eingesetzt (vgl. Georg Philipp Harsdörffers „Frauenzimmer-Gesprächsspiele“, Nürnberg 1644–57) und sollten das Kommunikations- und Sozialverhalten durch Anregung des Intellekts modifizieren. Durch ihre theoretischen und teils praktischen Anweisungen in den Textkomponenten sollten sie vor allem auf die Herausbildung des „honnête-homme“ – eines zur geistreichen Konversation fähigen und umfassend gebildeten Menschen – einwirken. Hatten bereits im Mittelalter allegorische Wort-Bild-Kombinationen existiert, so stellte besonders die neuzeitliche Emblematik Alltag, Kunst und Gesellschaft in enigmatischen Sinnbezügen als eine von Symbolen durchdrungene Welt (mundus symbolicus) dar.

Mit der Erfindung des Buchdruckes begannen die Künstler-Gelehrten der Renaissance ab dem späten 16. Jahrhundert Fragen nach Bildlichkeit und Sprachlichkeit sowie ihr Verhältnis zueinander intensiv zu reflektieren. Mit der auf Horazʼ Ars poectia zurückgehenden Formel des ut pictura poesis („Wie die Malerei so die Poesie“) wurde in Kunst und Literatur auf die Gemeinsamkeiten von Malerei und Dichtung verwiesen. Wappen, Druckersignets, Impresen und vor allem Embleme waren die neuen Kunstformen einer verschlüsselten Wort-Bild-Synthese, die einen spezifisch gelehrten Personenkreis in anregenden Gesprächsspielen zu erheitern und gleichsam zu belehren hatten. Charakteristisch für das Emblem ist seine symbolische Bildlichkeit. Es stellt ein abstraktes Motto in Form einer spezifischen Eigenschaft figurativ dar und erfordert eine Handlung des Verstehens; das Emblem muss in seiner Botschaft dechiffriert und gedeutet werden: Es ist ein Konversationsangebot, eine intellektuelle Übung sowie gleichsam ein rhetorisches Erziehungsinstrument.

Mit dem 1531 in Augsburg erschienenen Emblematum Liber des Andrea Alciato erhielt das Emblem ein fest definiertes Format und wurde als „Sinnbild“ (Abb. 1) in einer dreiteiligen Kombination von Inscriptio (Motto), Pictura (Bild) und Subscriptio (Epigramm) etabliert. Im Zeitalter des Barock differenzierte sich diese grafische Emblematik hinsichtlich ihrer Form, des thematischen Spektrums und seiner Funktionalität weiter aus: Aus der Wort-Bild-Kombination im Buch wurde das Sinnbild im architektonischen Raum.

Seit dieser Zeit avancierte das sogenannte ‚angewandte Emblem‘ zu einem zentralen Bestandteil in der dekorativen Ausgestaltung profaner und sakraler Bauwerke. Darüber hinaus liefert es in seiner Doppelfunktion als ästhetische Kunstform und normativer Bildungsträger wichtige Hinweise auf die soziohistorischen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen dieser Ausstattungspraxis. Die genuin zweiteilige, also im Raum nur aus Bild und Motto bestehende angewandte Emblematik wurde im Barock (1600–1760) zur regelrechten Modeerscheinung. Dass sich die emblematische Baukultur dabei an grafischen Vorlagen neuzeitlicher Emblembücher orientierte, zeigt ein um 1700 entstandener Emblemzyklus im Lübecker „Hoghehus“ am Koberg. Die sechs erhaltenen restaurierten Holztafeln mit Emblemmedaillons (Abb. 2/3) gehen auf ein im Jahre 1604 verfasstes Emblembuch von Joachim Camerarius zurück. Die Ikons wurden hier mit Hilfe von erweiterndem Rahmenwerk und geschwungenen Spruchbändern zu dekorativen Bildensembles ausgebaut. Die architektonischen Emblemmedaillons im bürgerlichen Bereich reproduzieren dabei keineswegs die literarische Vorlage, sondern repräsentieren eine schöpferische Umwandlung auf sprachlicher und bildhafter Ebene. Durch die Rahmung, Größe, Farbe und das Sprachlevel der Motti wurden sie den Vorstellungen hanseatischer Lebenskultur zugeordnet und erhalten so in einem neuen, räumlichen Zusammenhang ihre spezifische Aussagekraft.

Die Embleme barocker Architektur waren damit zentrales Element einer bürgerlich-kaufmännischen Repräsentationspolitik. Mit ihnen demonstrierten die Hauseigentümer ihr eigenes Selbstverständnis und versahen den privaten Lebensraum mit individuellen Normenvorstellungen. Embleme sind mehr als eine ästhetische Kunstform, sondern immer auch Versinnbildlichung zeitgenössischer Auffassungen hanseatischer Lebensführung. Die Auftraggeber emblematischer Bildprogramme waren, das haben neue Arbeiten gezeigt, Mitglieder der bürgerlichen Oberschicht, Ratsherren oder Angehörige ratsfähiger Familien. Das Bedürfnis nach dauerhafter Residenz und Schaffung eines repräsentativen Bürgerhauses im zentralen Knotenpunkt des Handelsnetzes sind somit ganz elementar mit emblematischer Kunst verknüpft. Wurde in der Ausstattung höfischer Architektur des norddeutschen Raumes oftmals auf politisch-heroische Embleme zurückgegriffen, waren die sinnbildhaften Selbstdarstellungen in den Gebäuden des hanseatischen Patriziats dezidiert von naturphilosophischen, religiösen und moraldidaktischen Inhalten geprägt.

Während sich die Kunstgeschichte und die Literaturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten umfassend mit den Emblemzyklen in deutschen Sakral- und herrschaftlichen Profanräumen beschäftigt haben, sind die emblematischen Bauelemente im großbürgerlichen Sektor des norddeutschen Hanseraumes bisher nahezu unerforscht. Noch immer fehlt es an repräsentativen Bestandsaufnahmen hinsichtlich der spezifisch künstlerischen Charakteristika barocker Baukultur in den Küstenregionen der Nord- und Ostsee. Völlig unerforscht ist zudem eine Kulturgeschichte emblematischer Darstellungen, die Embleme als Kunstform und als Element der Bildung in den Kontext hanseatischer Geschichte und Kultur rücken.

An diesem Forschungsdesiderat setzt das Promotionsprojekt an: Auf Grundlage einer materiellen und semantischen Analyse barocker Baukultur in Kaufmanns- und Patrizierhäusern der Hansestädte des Wendischen Städtebundes werden die emblematischen Ausstattungsprogramme als Teil hanseatischer Repräsentationsformen auf ihre älteren grafischen Vorlagen zurückgeführt und so auf ihre ikonografischen, soziologischen und lokalen Bedingtheiten hin untersucht. Wie die Sinnbilder im bürgerlichen Sektor gelesen und verstanden werden sollten, steht dabei ebenso im Fokus des Forschungsvorhabens wie die Frage, welche Rolle die Wort-Bild-Kombinationen in enigmatischen Alltagsbezügen spielten: Wie wurden Embleme zum Ausgangpunkt einer gelehrten Diskussion und welche Rolle spielten sie in der Etablierung einer spezifischen, durch visuelle Elemente geprägten kommunikativen Praxis? Embleme in den Kontext einer Geschichte bildlicher Repräsentationen zu stellen, heißt auch, die Geschichte bürgerlicher Seh- und Lesegewohnheiten mit der Herausbildung einer bürgerlichen Identität und hanseatischen Normen- und Wertevorstellungen zu verknüpfen. Ziel des Projektes ist, mit der Erforschung angewandter Emblematik im norddeutschen Hanseraum die Rolle und die Bedeutung emblematischer Baukultur für das Verständnis des „sinnbildlich-sprechenden“ Hanseraumes innerhalb des großbürgerlichen Sektors aufzuzeigen und das Konzept eines transregionalen Kulturaustauschs im Kontext der Emblemforschung zu ergründen. Mit Hilfe archivalischer Quellen werden die emblematischen Dekorationssysteme erstmals auf ihre gesellschaftlichen Bedeutungskontexte hin untersucht. Weiterführend wird aus einer kunsthistorischen und rezeptionsgeschichtlichen Perspektive die Bedeutung des Visuellen für die Herausbildung einer bürgerlichen Bildungspolitik in der barocken Architekturgeschichte der Hansestädte analysiert. Das Forschungsvorhaben wird in enger Kooperation mit den regionalen Denkmalämtern und ausgewählten Archiven der Hansestädte durchgeführt.

 

Kim Sophie Sulinski studierte Kunstgeschichte und Germanistik zunächst an der Universität Heidelberg. Nach einem Praxissemester wechselte sie an die Universität Hamburg, wo sie 2020 ihren Master absolvierte. Im Studium fokussierte sie sich auf typologische, architekturtheoretische sowie denkmalrelevante Entwicklungen neuzeitlicher und moderner Baukunst und arbeitete parallel dazu als studentische Hilfskraft für die Hamburger Kulturbehörde im Bereich der Praktischen Denkmalpflege. Bis April 2021 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg für das interdisziplinäre Forschungsprojekt Emblemata Baltica unter Prof. Dr. Iris Wenderholm tätig, das sich der überregionalen Erschließung angewandter Emblematik in der visuellen Kultur Norddeutschlands, Südschwedens und Dänemarks des 16.–18. Jahrhunderts widmet. Ab Mai 2021 wird ihr Promotionsprojekt vom ZKFL durch ein dreijähriges Forschungsstipendium gefördert.

E-Mail: kim.sulinski@student.uni-luebeck.de

 

Publikationen:

  • Richter, Kim: Das Spielprinzip der Schöpfung. Rubens Paragone visueller Naturmetaphern, in: Mutter Erde. Vorstellungen von Natur und Weiblichkeit, hrsg. von Maurice Saß und Iris Wenderholm, Ausst.-Kat., Petersberg 2017, S. 85–89.
  • Richter, Kim: Werkzeuge der Genialität. Natura als Schirmherrin der Künste, in: Mutter Erde. Vorstellungen von Natur und Weiblichkeit, hrsg. von Maurice Saß und Iris Wenderholm, Ausst.-Kat., Petersberg 2017, S. 256–259.
  • Sulinski, Kim: Lars Hinrichs: Durch Mythen mäandern, in: Zeichensysteme, hrsg. von Isabel Deimel, Ausst.-Kat., Hamburg 2018, S. 30–43.