Skip to main content

Gestörte und missbrauchte Briefkommunikation

Der dritte Tag der Summerschool stand unter dem Thema ‚Zirkulation‘. Eingeladen war der Philosoph und Medienwissenschaftler Erik Porath. Unter dem Titel „Die Übersendung von Briefen ist Zufällen ausgesetzt“ haben wir die Geschichte des Postsystems in den Blick genommen und an Beispielen aus der Literaturgeschichte die eigenartige Dynamik des ungelesenen Briefes diskutiert.

Choderlos le Laclos Briefroman „Les liasons dangereuses“ (1782) diente uns als Musterbeispiel für diese Dynamik. Valmonts Briefe, die auf die Verführung der prinzipientreuen und tugendhaften adligen Dame zielen, bleiben von der Empfängerin ungelesen. Doch Valmonts Erfolg bleibt dennoch nicht aus. Denn auch die Nicht-Lektüre erfüllt eine Funktion der Zirkulation - ohne Einsehen des Inhaltes bestimmt der Brief das Tun und Handeln von Subjekten. Bereits in der bloßen Zustellung des Briefes, erfüllt er also seine Funktion: Auch die Verweigerung der Lektüre eines Briefes verhindert nicht die Zirkulation.

Gottfried Kellers Roman „Die missbrauchten Liebesbriefe“ (1865) zeigt exemplarisch wie die triadische Zirkulation die briefliche Kommunikation stören kann. Zwischen dem Kaufmann Victor Störteler und dem Hilfsschullehrer Wilhelm dirigiert Störtelers Frau Gritli den Briefverkehr. Während beide Männer glauben, mit der Frau Liebesbriefe auszutauschen, sind die leidenschaftlichen Bekundungen von Liebe nichts anderes als ein unwissentlicher Flirt zwischen den Männern, während Gritlis Tun in nichts anderem besteht als in der Ersetzung von Anrede und Grußformel. Gritli wird damit zum lenkenden „Gespenst“ im kafkaesken Sinne. Ihre rein auf Formalitäten hin ausgerichteten Aktivitäten werden das Leben der drei Akteur:innen für immer verändern. 

Dass Zirkulation auf besondere Weise die medialen Bedingungen der Briefkommunikation freilegt, haben wir mit der Geschichte des Postsystems diskutiert. Das Verschicken von Briefen scheint heute trivial. Was uns als selbstverständliche Gegebenheit erscheint, unterliegt technischen, allgemeinen und historischen Bedingungen. Erst mit Blick auf die Stör- und Unfälle werden diese Selbstverständlichkeiten in ihrer Historizität sichtbar.

- Birgit Stammberger und Mai-Britt Wiechmann -