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Die Macht der Schrift

Auf Erkundungstour durch die Schatzkammer der Völkerkundesammlung

Für die ZKFL-Summerschool stellte der Leiter der Völkerkundesammlung, Dr. Lars Frühsorge, einige ausgewählte Stücke aus dem Bereich der historischen Kommunikationsmedien vor, welche die geografische und materielle Vielfalt dieser faszinierenden Lübecker Sammlung zeigen.

Ein Gastbeitrag von Dr. Lars Frühsorge

Die Völkerkundesammlung der Hansestadt Lübeck verfügt über eine Fülle von Objekten, die auf die eine oder andere Weise als Kommunikationsmedien dienen. Das Spektrum dieser Bestände reicht von assyrischen Keilschrifttafeln über sogenannte „Zauberbücher“ der Batak aus Indonesien bis hin zu Skulpturen altamerikanischer Gottheiten, deren Darstellungen bestimmte Glaubensinhalte vermitteln. Selbst Kleidung und Schmuck verraten in vielen Gesellschaften Details über die Biographie und Familienverhältnisse einer Person. Besonders hervorzuheben ist eine kürzlich wiederaufgefundene Schamanentrommel der Sami aus Lappland, deren Membran mit einer kompletten „spirituellen Landkarte“ von Göttern, Geistern, Tieren, Himmelskörpern und heiligen Orten bemalt war. Mithilfe eines digitalen Verfahrens konnten diese verblassten Zauberzeichen rekonstruiert werden.

Von großer Bedeutung ist zudem das handwerkliche und technische Wissen, welches etwa in Form von Haus- oder Bootsmodellen in der Sammlung bewahrt wurde. Für die heutigen Nachfahren der Herkunftsgemeinschaften kann die „Dekodierung“ dieser Objekte von großer Bedeutung sein, um verlorene Wissensbestände und vergessene Fertigkeiten wiederzuerlangen, die durch den Kolonialismus, die Missionierung und Globalisierung vernichtet wurden. Mitunter ist das Interesse an einer Rückgabe von Wissen sogar noch größer, als an der Rückführung der Objekte selbst.

Unter all diesen Kommunikationsmitteln in unserer Sammlung bilden Briefe im europäischen Sinne nur eine geringe Zahl. Im Verständnis der Ethnologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, aus der die meisten unserer Objekte stammen, wurden Briefe, Papier und Umschläge eher als Material- und Schriftproben gesammelt, so dass der Inhalt der meisten Texte bis heute unbekannt bleibt. Exemplarisch sei hier ein Brief in Hindi-Schrift genannt, der zu Transportzwecken an einem Stock befestigt ist. Er stammt aus der Sammlung der in Indien tätigen Missionare Dr. Nottrott und Dr. Pusching aus der Zeit um 1910 und umfasst eine Widmung für den Lübecker Museumsdirektor.

Natürlich war auch die Dokumentation von Postsystemen für die Ethnologie von Interesse, wie u.a. das anonyme Portrait eines indianischen Boten aus dem Ecuador des 19. Jahrhunderts belegt. Solche Boten waren schon in vorkolonialer Zeit im Reich der Inka im Einsatz. Sie bildeten Läuferstaffeln, die auf dem in damaliger Zeit weltweit am besten ausgebauten Netz von Straßen, Hängebrücken und Rasthäusern nicht nur Nachrichten in Form von Knotenschnüren, sondern auch Luxusgüter, wie frischen Fisch aus dem pazifischen Ozean, bis in die Hauptstadt des Inkareiches inmitten der Anden brachten.

Aber auch aus näherliegenden Weltgegenden finden sich einige interessante Exponate in unseren Beständen. So erhielt das Museum 1931 einen, vermutlich aus Süddeutschland stammenden, sogenannten „Himmelsbrief“ in einer Ledertasche. Im katholischen Volksglauben galten solche Schreiben als von Gott selbst verfasst und wurden wie eine Art Talisman zur Abwehr von Unglück und Krankheiten getragen. Der Wortlaut der Texte war dabei eher uninteressant. Entscheidend war vielmehr die magisch-religiöse Macht, die von dem Papier mit den Gottesworten ausgehen sollte.

In den anderen monotheistischen Religionen existieren ähnliche Objekte und Vorstellungen. Metallene Amulette, die Papiere mit Koranversen enthalten, sind im islamischen Raum weit verbreitet. Auch Tafeln mit Suren, wie sie in westafrikanischen Koranschulen Verwendung finden, sind Gegenstand volksreligiöser Praktiken, bei denen z.B. die Tinte der Heiligen Worte abgewaschen und das Wasser als Medizin getrunken wird. Bei der Niederschrift von sakralen Texten wie dem Koran, der Thora oder anderen Schriftstücken, die den Namen Gottes enthalten, müssen nach jüdischer und islamischer Auffassung bestimmte Regeln befolgt werden. Hierzu zählt die Tradition, solche sakralen Texte im Falle einer Beschädigung nicht einfach zu entsorgen, sondern auf jüdischen Friedhöfen oder in den Mauern einer Moschee zu „beerdigen“.

Die Fähigkeit, mithilfe von Schrift flüchtige, gesprochene Worte dauerhaft zu konservieren, galt und gilt bis heute in vielen Kulturen als ausgesprochen machtvoll. Steininschriften von altindischen Königen oder den Herrschern der Maya in Mittelamerika dienen der Erinnerung und Verehrung verstorbener Herrscher und verliehen einmal erlassenen Gesetzen einen ewigen Charakter. Bisweilen brachten die Maya aber auch Inschriften auf Keramiken in winzigem Format oder spiegelverkehrt an Tempelwänden an, weil sich diese Texte nicht an menschliche Adressaten sondern an Gottheiten richteten. Vermutlich galt das Schreiben selbst als eine heilige Handlung, mit der ein von Menschenhänden geschaffenes Gefäß beseelt und ein profanes Bauwerk zu einem heiligen Ort wurde. Ein aktuelleres Beispiel sind die insbesondere aus Tibet bekannten Gebetsfahnen, deren Bewegungen im Wind einer endlosen Wiederholung der darauf notierten Gebete und Mantras gleichkommt.

Die tiefere Bedeutung einiger Briefe in der Völkerkundesammlung erschließt sich nicht durch ihre Verortung in den Ursprungskulturen, sondern in ihren globalhistorischen und stadtgeschichtlichen Kontext. Bestes Beispiel hierfür ist ein sogenannter Ferman von Sultan Mahmud II, Herrscher des Osmanischen Reiches, aus dem Jahr 1281 der Hazirch (1864/65). Dem Pergament zufolge sollten alle unter russischer Flagge im Mittelmeer segelnden Schiffe freies Geleit erhalten. Ausgestellt wurde dieses Dokument für einen Schiffer namens Johannes Schacht, Kapitän des Schiffes „Alexander“. Details zu seiner Person und dem Weg dieses Briefes in unsere Sammlung sind bisher unbekannt. Zweifellos war man sich im Lübeck des 19. Jahrhunderts aber der Bedeutung eines solchen Dokumentes bewusst. Seit dem 16. Jahrhundert hatte es immer wieder Überfälle nordafrikanischer Herrscher auf europäische Schiffe im Mittelmeerraum gegeben. Genau wie christliche Machthaber (insbesondere von Italien und Malta aus) seit dem Mittelalter islamische Schiffe kaperten, um deren Besatzungen zu versklaven, zielten auch die islamischen Angriffe auf Gefangennahmen. Doch im Gegensatz zum europäischen Sklavenhandel wurden die meisten der in Nordafrika inhaftierten Lübecker Seeleute - die meist unter ausländischer Flagge fuhren - gegen die Zahlung eines Lösegelds wieder freigelassen. Der Umfang dieses Menschenhandels war so groß, dass in Lübeck sogar eine sogenannte „Sklavenkasse“ für den Freikauf existierte. Entsprechend begehrt waren daher auch alle schriftlichen Zusicherungen eines freien Geleits durch das Osmanische Reich, das damals auch die sogenannten „Barbareskenstaaten“ Nordafrikas beherrschte. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts und insbesondere durch eine Intervention der Marine der noch jungen Vereinigten Staaten wurde die Bedrohung eingedämmt und zugleich der Grundstein für das bis heute virulente Selbstverständnis der USA als „Weltpolizei“ gelegt.

Schließlich verfügt die Völkerkundesammlung über eine Sammlung von Postkarten aus aller Welt, von denen aktuell Exemplare aus Norwegen in der Ausstellung Nordwärts-Südwärts zu sehen sind. Auch wenn das Schreiben von Postkarten heute ein wenig aus der Mode gekommen ist, sind diese Karten wichtige historische Zeugnisse. Mit ihren Bildmotiven, Briefmarken, Schiffsstempeln und persönlichen Botschaften können wir nicht nur die Umstände der damaligen Reisen nachempfinden, sondern auch den Wurzeln althergebrachter Selbst- und Fremdbilder von „dem Norden“ auf den Grund gehen. Die ausgestellten Karten spannen einen Bogen von einer der ersten Kreuzfahrten in die hohe Arktis Endes des 19. Jahrhunderts bis zu den in der Lübecker Flender-Werft erbauten Schiffen Regina Maris und Norröna. Neben einer als Postkarte wiederverwendbaren Speisekarte von einer nationalsozialistischen „Kraft durch Freude“-Fahrt, fällt auch eine Feldpostkarte aus dem besetzten Norwegen ins Auge. Sie erinnert uns daran, dass deutsche Soldaten die Besatzung Norwegens als sehr erholsam empfanden und bisweilen sogar scherzhaft von dem „Reisebüro Wehrmacht“ sprachen. Neben diesen historischen Momentaufnahmen ist in den bildlichen Darstellungen dieser Karten eine bemerkenswerte Kontinuität erkennbar. So beherrschen, damals wie heute, stereotype Panoramen von Kreuzfahrtschiffen in Fjordlandschaften und Sami in traditioneller Tracht das Tourismusmarketing des Landes.

Bilderrechte: © Völkerkundesammlung Lübeck

Redaktion und Layout: Eike Daniel Loeper

Veranstaltungshinweis: Im St. Annen Museum präsentiert die Völkerkundesammlung vom 17. September 2020 bis zum 3. Januar 2021 die Ausstellung "Nordwärts - Südwärts. Begegnungen zwischen Polarkreis und Lübeck". Weitere Infos unter st-annen-museum.de.