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Drossilia Dikegue Igouwe

Zwischen Restitution und Partnerschaft? Neubewertung zentralafrikanischer Objekte in der Lübecker Völkerkundesammlung

Der Ausgangspunkt dieser Dissertation beginnt mit zentralafrikanischen Objekten, die in der Völkerkundesammlung der Hansestadt Lübeck gelagert sind und zu denen ich bereits grundlegende Forschung durchgeführt habe. Diese Gegenstände aus Äquatorialguinea, Gabun, Süd-Kamerun, zu einem kleinen Teil aus der Republik Kongo und eventuell der Demokratischen Republik Kongo stammen von ca. 24 Sammler*innen. Zu dieser Sammlung zählen ca. 278 Gegenstände, die zwischen 1866 und 2014 entweder von Privatpersonen gespendet oder von den Leitern der Völkerkundesammlung gekauft wurden.

Günther Tessmann (*1884 †1969) ist mit ca. 168 heute noch erhaltenen Objekten der bedeutendste Sammler zentralafrikanischer Objekte für Lübeck. Seine ethnologische Forschung während der Lübecker Pangwe-Expedition (1907-1909), die in der Monografie „Die Pangwe“ (1913) und in seinen Tagebüchern veröffentlicht wurden, aus einer afrikanischen Perspektive kritisch zu hinterfragen, wird ein wichtiger Teil dieser Arbeit sein. So hat Tessmann seine Einordnung der Objekte mit einem eurozentrischen Blick vorgenommen und war verständlicherweise vom damaligen philosophischen und kulturellen Zeitgeist Deutschlands und Europas beeinflusst. Die Darstellungen Tessmanns (sowie seiner Zeitgenossen) bezüglich der immateriellen Gedankenwelt (wie z.B. der Rituale der Beschneidung, des Ngil-Kultes, Melan-Kultes, Bwiti-Kultes oder auch der Hochzeit) sind als problematisch zu beurteilen, da diese Rituale zwar sehr gut beschrieben, aber auch systematisch mit der Vorstellung von „Naturvölkern“ und „Fetischismus“ verbunden sind. Wenn Tessmann Gegenstände beurteilte und eine materielle Kategorisierung vornahm, wie z.B. die Töpferei, die Fertigung von Naturfasern, die Bearbeitung von Eisen oder Holz, so untersuchte er nur die rein materielle Seite dieser Artefakte, ohne den sozialen Kontext dieser Praktiken, die oft mit immateriellen Aspekten verbunden sind, ausführlicher zu analysieren.

Den Leitfaden der vorliegenden Arbeit bilden die Dokumentation und Analyse des Diskurses über die Objekte der Sammlung. Welche Bedeutung wird ihnen zugeschrieben und wie ist die Wahrnehmung der Objekte heute in Zentralafrika, in den urbanen Zentren und den ruralen Provinzen, in der Politik, in der Wissenschaft, in der Kunst und in den Museen? Wie unterscheiden sich diese und welche Rolle spielen dabei soziokulturelle Interessen und Bedürfnisse der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen? Wie wichtig ist dabei noch der traditionelle Glaube? Welchen Einfluss haben nationale und ethnische Fragen?  Welche kulturellen Domänen sind mit den Objekten heute verbunden? Gibt es ein anderes System der Kategorisierung von den Objekten als in Europa und wie unterscheiden sich diese?

Drossilia Dikegue Igouwe: Ich bin in Gabun geboren und aufgewachsen. Ich habe an der Universität Omar Bongo, Libreville mein Bachelor-Studium in Linguistik und Methodik der deutschen Sprache mit dem Schwerpunkt Bildungspsychologie erfolgreich abgeschlossen. Neben Deutsch spreche ich Englisch, Spanisch, Myene und Französisch als Muttersprache. Mein Masterstudium habe ich von 2016 bis 2018 an der Universität Augsburg in den Fächern Anwendungsorientierte Interkulturelle Sprachwissenschaft und Ethnologie absolviert. Meiner Masterarbeit stand unter der Überschrift „Der ethnologische Blick - Günther Tessmann und die Pangwe“. Seit dem Sommer 2019 bin ich mit meiner Promotion im Fach Europäische Volkskunde/Ethnologie an derselben Universität eingeschrieben. Mein Doktorvater ist Prof. Dr. Günther Kronenbitter und meine Zweitbetreuerin ist Prof. Dr. Rebekka Habermas von der Georg-August-Universität Göttingen.

E-Mail: drossilia.dikegueigouwe@student.uni-augsburg.de

Alle Objektfotografien © Völkerkundesammlung der Hansestadt Lübeck, Foto: Ilona Ripke.