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Lotta Fiedel

Ambivalenzen der Freiheit. Eine subjektivierungsanalytische Ethnografie (gruppen-) psychotherapeutischer Praxis

Psychotherapie hat Konjunktur. Das zeigt nicht nur die steigende Nachfrage nach Therapieplätzen, auch im Alltag ist Psychotherapie längst zum Handwerkszeug einer gelungenen Lebensführung geworden. Doch warum greifen immer Menschen auf Psychotherapien zurück, um ihr Leben zu meistern? Im klinisch-psychologischen Verständnis ist Psychotherapie eine Krankenbehandlung, die darauf zielt, psychische Krisen zu verringern. Die steigende Nachfrage wird vor allem als Anstieg gravierender psychischer Probleme gedeutet. In sozial- und kulturwissenschaftlichen Perspektiven wird dagegen die Ausweitung und die Verschiebung therapiebedürftiger Problemlagen als Ursache angeführt. Vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Wandels ab den 1990er Jahren stellen sich auch den Subjekten fundamental neue Anforderungen: Sie müssen sich für den Wettbewerb fit machen und stehen somit unter dem Druck einer permanenten Selbstoptimierung. Scheitern sie, haben sie dies dem eigenen Handeln zuzuschreiben und die daraus entstehenden Konsequenzen selbst zu tragen. Die Norm der neoliberalen Subjektivierung lautet Autonomie. Denn nur wer sein eigenes Leben in die eigene Hand nehme und am eigenen Glück arbeite, könne erfolgreich sein – so das neoliberale Credo, in dem die ungleich verteilten Bedingungen einer erfolgreichen Lebensführung ausgeblendet werden. An diese Zielvorgabe neoliberaler Subjektivierungsweisen habe die Psychotherapie angeschlossen: Anstelle einer Bearbeitung psychischer Krisen betreibe sie zunehmend eine Form neoliberaler Selbstoptimierung.

In einer solchen Perspektive wird Psychotherapie zum verlängerten Arm einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche und der Gesellschaft erklärt. Dies mag Tendenzen im therapeutischen Feld einordnen und kritisierbar machen, wie beispielsweise die zunehmende Bedeutung therapeutischer Effizienz und ‚Lösungsorientierung‘. Unklar bleibt jedoch, ob Psychotherapie damit zwangsläufig neoliberal ist. Geht Psychotherapie in ihrer neoliberalen Ausformung auf? An welchen Stellen lassen sich Widersprüche und Spannungen zwischen therapeutischer Logik und neoliberalen Anforderungen ausmachen? Und was bedeuten diese Widersprüche für die Funktion von Psychotherapie in aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen? An dieser Stelle setzt die vorliegende Studie mit dem Ziel an, das Verhältnis von Psychotherapie und Gesellschaft in dieser uneindeutigeren Schattierung zu reflektieren.

Grundlage der Arbeit ist eine ethnografische Beobachtung einer tiefenpsychologisch fundierten Gruppenpsychotherapie, die mithilfe praxeologisch-poststrukturalistischer Subjektivierungstheorie angeordnet wird. Dabei wird gezeigt, dass in der Psychotherapie in der Tat Phänomene bearbeitet werden, die mit Fragen der Autonomie aufs Engste verbunden sind. Allerdings sind dies Momente, in denen offenbar wird, dass das Subjekt eben nicht ‚Herr_in im eigenen Haus‘ ist – Momente also, in dem die Anforderung unbedingter und absoluter Verfügung über sich und das eigene Leben brüchig wird. So erzählt eine Gruppenteilnehmerin von einer Panikattacke, die sie heimsucht, nachdem eine mehrere Stunden lang erarbeitete Excel-Liste abgestürzt sei. Diese Momente berühren den Aspekt der Selbst-Bestimmung als Verlust einer Kontrolle über sich selbst, der sich im Angesicht einer Unverfügbarkeit des Selbst, von Anderen oder Welt ereignet. In Anschluss an Judith Butler werden diese Momente als Störungen der Autonomie theoretisiert: Als Momente, in denen das Subjekt von der eigenen konstitutiven Verworfenheit – also dem, was es nicht sein darf, um zu werden, was es ist – heimgesucht und damit die Illusion unbedingter Autonomie gestört wird. In der Psychotherapie werden ebendiese Störungen bearbeitet. Die Art der Bearbeitung wird in Anschluss an Gebauer und Wulf als mimetische Bezugnahme konzeptualisiert. Darunter ist eine potentiell verschiebende und körperliche Reinszenierung von Störungen der Autonomie zu verstehen, die durch den therapeutischen Raum angelegt und ermöglicht wird.

Durch die sorgfältige Abgrenzung des Raumes zur Öffentlichkeit (z.B. durch einen voll besetzten Stuhlkreis, in dem die Teilnehmer_innen ‚der Welt den Rücken kehren‘), seine Privatisierung (z.B. durch warmes Licht, das zum Entspannen auffordert), seine Beruhigung (z.B. durch die Reduktion von Handlungsaufforderungen, durch die eine Konzentration auf das ‚Wesentliche‘ ermöglicht wird) und die Herstellung der Gruppe als Bezugsrahmen (z.B. dadurch, dass sich die Teilnehmer_innen im Stuhlkreis ‚zueinander ins Verhältnis setzen‘), wird eine Veröffentlichung von und Arbeit an Störungen der Autonomie in einem geschützten Rahmen ermöglicht. In diesem Raum haben die Teilnehmer_innen keine Sanktionen für Störungen der Autonomie zu erwarten – unter der Auflage, dass sie an ihnen arbeiten. So wird ein Umgang mit Störungen der Autonomie eingeübt und damit Autonomie in einer transformierten Form wieder ermöglicht. Das therapeutische Subjekt weiß, dass es weder über sich noch über die Anderen und die Welt gänzlich verfügen kann, aber übernimmt die Verantwortung, das eigene Leben im Angesicht dieser Grenzen zu führen. Diese Transformation basiert darauf, Störungen der Autonomie durch die biografische Bedingtheit des Subjekts zu erklären. Das Subjekt wird entschuldigt und zugleich aktiviert, sich zur eigenen Bedingtheit und Begrenztheit zu verhalten.

In der Psychotherapie scheint sich die neoliberale Norm der Autonomie also weder einfach fortzusetzen, noch wird sie grundlegend umgewälzt. Auf der einen Seite wird die Illusion unbedingter und grenzenloser Verfügung relativiert. Auf der anderen Seite bleibt das Subjekt verantwortlich dafür, mit ebendiesen Begrenzungen umzugehen. Hier wird ein ambivalentes Verhältnis sichtbar, das das durch die Engführung von Psychotherapie als neoliberaler Zurichtungsanstrengung verkannt wird. Dieses ambivalente Verhältnis und damit auch die Bedeutung von Psychotherapie in einer neoliberalen Gesellschaft, lässt sich durch eine grundlegende Einsicht feministischer Gesellschaftsanalysen erhellen: Die Fundierung gesellschaftlicher Verhältnisse durch Sorge-Arbeit, welche durch ihre reproduktive und regenerative Logik zugleich im Widerspruch zu einer rein ökonomischen Logik steht. Psychotherapie als Wiedereinsetzung der Norm der Autonomie durch deren Modifizierung steht in genau diesem Spannungsverhältnis. Zum einen werden die Subjekte durch die Relativierung wieder autonom, also reproduziert. Zum anderen bietet die regenerative Logik von Sorge-Arbeit auch die Möglichkeit ‚im Namen des psychischen Wohlbefindens‘ gesellschaftliche An- und Überforderungen individuell zu modifizieren oder zurückzuweisen.

Betreuer:innen

  • Prof. Dr. Thomas Alkemeyer (Carl von Ossietzky Universität, Arbeitsbereich Soziologie und Sportsoziologie)
  • Prof. Dr. Lisa Malich (Universität zu Lübeck, Wissensgeschichte der Psychologie)

 

Lotta Fiedel hat Psychologie und Gender Studies in Marburg und Istanbul studiert. Von 2016 bis 2020 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Graduiertenkollegs Selbst-Bildungen der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und arbeitete am Lehrstuhl Gender & Science der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Subjektivierungstheorie, Empirische Subjektivierungsforschung zu Psychotherapie, Qualitative Methoden sowie die Integration von Gender in die Lebenswissenschaften mit besonderem Fokus auf Gesundheitswissenschaften und Klinischer Psychologie. Aktuell arbeitet sie im Rahmen der Abschlussförderung durch das ZKFL an der Fertigstellung ihrer ethnografisch angelegten Dissertation über die (gruppen-)psychotherapeutische Bearbeitung von ‚Störungen der Autonomie‘.

E-Mail: lotta.fiedel@uni-luebeck.de, l.fiedel@student.uni-luebeck.de

 

Link zu Lotta Fiedel auf der Seite vom Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung.


Publikationen:

  • Fiedel, Lotta (2020). Sich zu falschen Gefühlen ins richtige Verhältnis setzen - Gefühlsproblematisierungen von Psychotherapeut_innen im Interview. In Viola Balz & Lisa Malich (Hrsg.), Psychologie und Kritik (S. 221-242). Wiesbaden: Springer.
  • Fiedel, Lotta/Malich, Lisa/Varino, Sofia (2019). Getting Our Hands Dirty: Reflections on Data. Somatechnics, 9(3), S. 159-169.
  • Fiedel, Lotta/Malich, Lisa/Varino, Sofia (Hrsg.) (2019). Data Matters: (Un)doing Data in the Life Sciences. Somatechnics, 9(3).
  • Fiedel, Lotta/Jacke, Katharina/Palm, Kerstin (2018). Gendertheoretisch informierte Gesundheitswissenschaften – Herausforderungen, Potentiale und Beispiele ihrer transdisziplinären Entwicklung. Zeitschrift für Diversitätsforschung und -management, 2, S. 141-156.
  • Bolte, Gabriele/David, Madlen/Debiak, Małgorzata/Fiedel, Lotta/Hornberg, Claudia/Kolossa-Gehring, Marike, et al. (2018). Integration von Geschlecht in die Forschung zu umweltbezogener Gesundheit. Ergebnisse des interdisziplinären Forschungsnetzwerks Geschlecht – Umwelt – Gesundheit (GeUmGe-NET). Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, 61(6), S. 737–746.
  • Sieben, Anna/Fiedel, Lotta/Straub, Jürgen (2015). Zum Verhältnis von Psychotherapie und Geschlecht: Editorial. Psychosozial, 140(2), S. 5-9.
  • Sieben, Anna/Fiedel, Lotta/Straub, Jürgen (Hrsg.) (2015). Geschlecht und Psychotherapie. Psychosozial, 140(2).