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Tristan Bielfeld

Mehr Partizipation durch Digitalisierung. Wie Assistenzsysteme Museen verändern sollten

Unter dem Titel „Digitalisierung gestalten“ hat die Bundesregierung eine Umsetzungsstrategie erarbeitet, deren Ziele unter anderem die Entwicklung digitaler Instrumente für Vermittlung, Bildung, Kommunikation und Forschung in unterschiedlichen Museumstypen und Museumsinfrastrukturen sowie Bündelung und Vernetzung von Know-how zu digitalen Entwicklungs- und Arbeitsprozessen in Museen sind. Zudem sollen Besucher:innenzielgruppen die Möglichkeit erhalten, sich Museen auf abwechslungsreiche Art zu erschließen. Anhand dieser Strategie lässt sich erkennen, dass dem vormals noch als „Neuland“ bezeichneten digitalen Bereich ein neues Potenzial zugesprochen wird, das eine Verantwortung für mehr Partizipation übernehmen kann.

Mein Promotionsvorhaben knüpft eng an die Ziele der Strategie an, weil sich zunächst die Frage stellt, welche Schritte von Museumsseite unternommen werden können und müssen, um ein digitales System zu schaffen, das direkt mit den Besucher:innen interagiert, Vorwissen abfragt, Interessen erkennt und Neugier fördert und belohnt. Hinzu kommt die Frage, welche Koordinations- und Vernetzungsschritte mit anderen Disziplinen wie der Informatik und der Szenographie / Architektur von Nöten sind, da die Literaturwissenschaft und andere kulturwissenschaftliche Disziplinen, die sich im Museumswesen verorten, diesen Schritt nicht allein bewältigen können.

Digitale Angebote im Museum hat es selbstverständlich schon zahlreich gegeben, dennoch wurde dabei sehr stark von Museumsseite aus gedacht. Der digitale Raum wird im privaten Alltag von ganz anderen Gruppen genutzt, die ich über ein neues Museumsassistenzsystem (MAS) ansprechen möchte. Dieses System kann von einem Audioguide, über eine App bis zu einem komplexen transmedialen System in der Ausstellung verschiedenste Formen annehmen. Dabei fallen viele offene Fragen zum MAS an: Wie kann dieses System komplexe Sachverhalte wie zeitgeschichtliche Zusammenhänge oder die Differenzierung zwischen Werk und Autor vermitteln? Welche formalen, kommunikativen und digitalen Vorarbeiten sind nötig, um ein breites Spektrum an Besucher:innen anzusprechen?

Der Vorteil des digitalen Raums im Vergleich zum Museumsbau ist, dass er zugleich dezent und unendlich groß ist. Deswegen lässt sich eine Umsetzungsstrategie, die ein quantitatives Interesse hat, hier am besten umsetzen. Dennoch soll das Museum diesen Raum anbieten und Angebote schaffen, die einen Besuch des Museumsbaus voraussetzen. Für das MAS bietet sich ein Blick auf Strategien an, die sich im Bereich des Gaming und Storytelling etabliert haben und daher vielen Menschen aus ihrem Alltag vertraut sind. Dazu gehören unter anderem Sammel- und Vergleichsfunktionen, Virtual und Augmented Reality, Belohnungen, Challenges, Communityarbeit über Social Media sowie das Abrufen von implizitem Wissen und Wissensmanagement.

Die potenziellen Besucher:innen sollen ihren Museumsbesuch als personalisierte digitale Held:innenreise erleben können. Das Erstellen eines Avatars und das Bereisen einer unbekannten offenen Spielwelt ist ein zentrales Element des Gaming. Doch auch in zahlreichen narrativen Stoffen finden wir eine:n Held:in wie Odysseus, Parzival oder Johanna von Orleans, der / die eine Quest bestreiten muss, diese zunächst sogar ablehnt und durch andere Mentor:innenfiguren motiviert wird. Das MAS soll den Held:innenbesucher:innen zur Seite stehen und den Museumsbesuch immer wieder anreichern und reflektieren. Vor meinem literaturwissenschaftlichen Hintergrund beginne ich daher mithilfe der Theoreme Jurij Lotmans (Räumliche Strukturen von Texten), Michel Foucaults (ordnungssystematische Bedeutung von Gegenräumen) und Pierre Bourdieus (Verhältnis von Habitus und Besucher:innenstruktur) mit der Entwicklung einer modernen Held:innenerzählung in einem Museum, das als Gegenraum zum Alltag wahrgenommen wird. Zugleich ist dieser Gegenraum ein Lernort, ein zentraler Punkt im Stadtgeschehen und ein Ort, an dem Partizipation für alle erprobbar sein sollte. Deswegen schließe ich mich den Zielen der Umsetzungsstrategie an, um durch ein MAS auf niedrigschwellige Weise digitale Kompetenzen zu fördern und das Museum einem größeren Publikumskreis zu öffnen.

 

Tristan Bielfeld studierte Germanistik und Deutsch als Fremdsprache (B.A.) in Greifswald, anschließend Deutschsprachige Literaturen (M.A.) in Hamburg. Er promoviert an der Universität zu Lübeck, wo er von Prof. Dr. Hans Wißkirchen und Prof. Dr. Michael Herczeg betreut wird. Seine Promotion wird seit 2021 durch das ZKFL gefördert.

E-Mail: tristan.bielfeld@student.uni-luebeck.de

 

Abbildung: © IAMU by m_guide GmbH