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Christoph Jannis Arta

Zwischen Interpretation und Komposition, Direktion und Organisation: Joseph Joachim und die Musikkultur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Joseph Joachim (1831–1907) ist heutzutage der breiten Öffentlichkeit wohl kaum mehr bekannt, Konzertbesuchern und Amateurviolinisten allenfalls als Verfasser von Kadenzen zu Violinkonzerten Mozarts, Beethovens und Brahms’ sowie als Violinist und Primgeiger seines Streichquartett-Ensembles. Erst in der musikwissenschaftlichen Fachliteratur wird auch Joachims Bedeutung als Gründungsdirektor der Königlichen Musikhochschule in Berlin und – dies freilich erst seit Kurzem – als Komponist anerkannt. Gründe für diese ,verspäteteʽ Rezeption liegen fraglos auch in Joachims jüdischer Herkunft, deretwegen er in der Zeit des Nationalsozialismus gleichsam aus dem kulturellen Gedächtnis ausgelöscht werden sollte. Heute kann sich eine angemessene Beschäftigung mit Joseph Joachim aber weder in der Auseinandersetzung mit seiner Biographie noch in der isolierten Betrachtung von einzelnen seiner Tätigkeitsfelder erschöpfen. Vielmehr soll in diesem Forschungsvorhaben von Joachims bewusster Selbstverortung in der Schnittstelle all dieser Bereiche der zeitgenössischen Musikkultur ausgegangen werden, in der Schnittstelle also von Hochschulwesen, Konzertorganisation, Komposition und Aufführung.

Das Dissertationsprojekt fußt auf einem bislang kaum bekannten Quellencorpus. Das Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck beherbergt die knapp 900 Briefe, die Joseph Joachim an seinen ältesten Bruder Heinrich, seines Zeichens Wollhändler in London, und an dessen Ehefrau Ellen Joachim, geb. Smart, geschickt hat. Diese Briefe entstanden im Zeitraum von 1844 bis 1907, dokumentieren also fast Joseph Joachims gesamte Biographie über mehr als ein halbes Jahrhundert. Basierend auf einer umfassenden Auswertung dieser Briefe – die in der Joachim-Literatur bislang erstaunlicherweise ausgeblieben ist – kann der aktuelle Wissensstand zu Joachims Biographie und zu seinem Engagement im zeitgenössischen Musikleben konsolidiert, ergänzt und revidiert werden. Wie im Brennspiegel offenbart sich in den Briefen die komplexe und facettenreiche Identität Joachims, wie er sie als bewusste Karrierestrategie selbst konstruiert und immer wieder neu erfunden hat und wie sie durch die zeitgenössische Rezeption gewissermaßen auch von außen an ihn herangetragen wurde.

Von besonderem Interesse ist dabei, dass sich der biographische Entwurf Joachims nicht durchsetzen sollte: Weder in seiner eigenen Generation noch in den darauffolgenden findet sich eine Persönlichkeit, die in einem solchen Maße in allen Bereichen des Musiklebens aktiv war. Gerade dank dieser großen Breite jedoch, die Joachim durchaus willentlich gepflegt hat, können die Funktionsweisen und Verflechtungsmechanismen der Musikkultur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – Verflechtungen, denen sich Joachim schließlich geradezu vorsätzlich ausgesetzt hat – beleuchtet werden.

Ziel des Dissertationsvorhabens ist es, am Beispiel von Joseph Joachim die für die zeitgenössische Musikkultur konstitutiven Themenkomplexe zu untersuchen, vom Phänomen des Wunderkindes, in dessen Zeichen Joachims erste öffentliche Auftritte stehen, über die Auseinandersetzungen zwischen Advokaten der neudeutschen Musik um Franz Liszt und Befürwortern der konservativeren Musik um Johannes Brahms und Robert Schumann im Rahmen des sogenannten Parteienstreits oder die Institutionalisierung der Musikerausbildung bis hin zu soziologischen Fragestellungen etwa nach der Rolle der jüdischen Herkunft sowie zur Bedeutung der Konstruktion einer spezifisch deutschen Musik. So kann Joseph Joachim geradezu als Brennspiegel der Musikgeschichte verstanden werden, der ein tiefergehendes Verständnis der Musikkultur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermittelt.

 

Die Lübecker Nachrichten berichteten am 28.04.2021 über das Dissertationsprojekt von Christoph Jannis Arta.

 

Christoph Jannis Arta hat Musikwissenschaft und Englische Sprachwissenschaft an der Universität Zürich studiert. Seine Seminararbeit „Die Orgel in der Lüneburger Johanniskirche im Kontext hansischer Strukturen“ wurde 2019 mit einem Semesterpreis der Universität Zürich ausgezeichnet. Von 2018 bis 2020 war er als Hospitant Dramaturgie bei der Tonhalle-Gesellschaft Zürich, Ende 2020 außerdem als studentische Hilfskraft zur Erschließung des Gottfried-Wagner-Archivs in der Musikabteilung der Zentralbibliothek Zürich tätig. Seit Januar 2021 ist Christoph Arta im Rahmen des „Lübecker Modells“ des Zentrums für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck Volontär und Doktorand am Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck.

E-Mail: christoph.arta@student.uni-luebeck.de

Publikation:

  • „Ein Niederländer in Lüneburg: Die Orgel in St. Johannis und die klanglichen Neuerungen“. In: Glocken, Orgel, spelelude. Klangwelten in der Hansestadt. Katalog zur Ausstellung im Museum für sakrale Textilkunst, Kloster Lüne, 15. September – 2. November 2019. Hrsg. von Inga Mai Groote unter Mitarbeit von Christoph Arta, Cedric Birrer, Viviane Brodmann und Mariella Meier. Lüneburg: Ratsbücherei der Hansestadt Lüneburg 2019. S. 51–54.

Bildnachweis: Copyright Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck