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Das St. Annen-Museum

Das in den Jahren 1502 bis 1515 errichtete St. Annen-Kloster beherbergt seit 1915 eines der schönsten Museen Deutschlands. Nirgendwo sonst besticht ein derart harmonischer Zusammenklang von Gebäuden und Exponaten, von spätgotischer Klosterarchitektur und sakraler Kunst den interessierten Laien und Forscher. Schon immer sind die exzellenten, bis in die unmittelbare Gegenwart erweiterten Bestände des Museums Gegenstand nationaler und internationaler Forschung gewesen. Auch für die nähere Zukunft sind Studien wie Examensarbeiten, Aufsätze in Fachorganen und Monographien projektiert. Als Grundlagenwerk hierzu existiert seit 2005 der Corpus-Band von Uwe Albrecht zu den mittelalterlichen Holzskulpturen und Tafelmalereien des Museums.

Das St. Annen-Museum gibt mit seiner sakralen Abteilung den größten Überblick über die Kunst des Mittelalters in Lübeck, beginnend im 13. bis zur ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Mit seinen 26 Altären, seinen Tafelbildern und etlichen Holz- und Kalksteinplastiken gehört es zu den bedeutendsten Museen mit lokalem Schwerpunkt. Das Herzstück der Sammlung sind die Lübecker Schnitzaltäre, die in dieser Breite in Deutschland ihresgleichen suchen. Unter den allseitig gemalten Retabeln ragt der für eine Lübecker Familie bestimmte Passionsaltar von Hans Memling (1491) heraus; er zählt zu den kostbarsten Schätzen der Stadt. Der Memlingaltar ist aber nur eines der vielen Kleinodien des Museums, denn zu entdecken sind auch die meisterhaften Beispiele flandrisch-burgundischer Kalksteinskulpturen der Zeit um 1400, wie die Niendorfer Madonna oder die Klugen und Törichten Jungfrauen. Einen weiteren Schwerpunkt — wenngleich vorübergehend nicht ausgestellt — bildet die Sammlung der liturgischen Gewänder, deren Highlight die Dalmatika des Lübecker Bischofs Bocholt darstellt. Hinzu kommt der kaum hoch genug einzuschätzende Danziger Paramentenschatz.

Neben der sakralen Kunst besitzt das Museum einen weiteren Sammlungsschwerpunkt: die bürgerliche Kultur Lübecks vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Im Obergeschoss des Klosterbaues werden nach der Neugestaltung im Herbst 2012 wieder 25 Epochen- und Themenräume ein facettenreiches Bild lübeckischer Kulturgeschichte geben, von Alltagsdingen bis zu kunstvollen Schauobjekten aus Silber, Fayence, Porzellan und Glas. Die Selbstverwaltung und Repräsentation der Hansestadt, ihre gesellschaftlich aktiven Gruppen und ihr Musikleben, aber auch die private Lebensart der Kaufleute von ihrer Wohnungseinrichtung bis zur Kleidermode sind nur einige der Themen, die dort anklingen werden. Der umfangreiche und vielfach sehr qualitätvolle Bestand an Sachzeugen aus verschiedenen Epochen eröffnet ein breites Spektrum verschiedenster Forschungsansätze und übergreifender Fragestellungen.

Für den interessierten Laien und Wissenschaftler steht eine umfangreiche Präsenzbibliothek mit Werken speziell zu Lübecker Kunst und Altertümern und zur lübeckischen Geschichte zur Verfügung sowie zu allgemeinen kunsthistorischen und spezifisch kulturgeschichtlichen Themen. Darüber hinaus bietet das reichhaltige Fotoarchiv Quellenmaterial ersten Ranges.

In der gegenwärtigen Forschungssituation erweisen sich folgende Themenbereiche als Desiderate:

Für den Mittelalter-Bereich:

  • Differenzierende Untersuchungen einzelner Bildtafeln und Bildwerke und Rekonstruktion ihres ursprünglichen Gesamtzusammenhanges.
  • Vergleichende Studien zu den Altären in Lübecker Kirchen — auf der Grundlage von Uwe Albrechts im Druck befindlichem Corpus-Band, der auch die im Krieg zerstörten Werke mit einschließt.
  • Eine naturwissenschaftlich-technische Analyse der Steinskulpturen des St. Annen-Museums aus der Zeit um 1400, deren Ziel es ist, sowohl das (Stein-)Material bestimmten geographischen Regionen zuzuordnen als auch Handelswege und kulturelle Beziehungen zu verfolgen sowie den künstlerischen Austausch zwischen den Kulturzentren zu erschließen.

Für den Bereich der bürgerlichen Kultur in Lübeck:

  • „Ein Gewand für die Wand“: Im Museum haben sich — neben bemalten Holzpaneelen, auf Leinen in Öl gemalten und in Leder geprägten Wandverkleidungen — Papiertapeten vom späten 18. Jahrhundert bis um 1930 erhalten. Diese korrespondieren mit den häufig in denkmalgeschützten Häusern Lübecks vorgefundenen originalen Drucktapeten. Um diese eindeutig datieren und die notwendige Wertschätzung im Prozess der Sanierung begründen zu können, aber auch den wertvollen Bestand des Museums unter verschiedenen Gesichtspunkten zu erschließen, bietet sich eine Studie zu den künstlerischen, rezeptionsästhetischen und wirtschaftsgeschichtlichen Hintergründen der Papiertapete in Lübeck an.
  • „Lübecks Weg zur Musikstadt“: Musikinstrumente als Geschenke von Lübecker Bürgern, Musikern, Instrumentenbauern und Kirchengemeinden sowie gezielte Ankäufe aus Nachlässen haben eine interessante Sammlung mit ungewöhnlichen Stücken wie Trompetengeige, Großbasspommer oder Nähkästchenklavier entstehen lassen. Sie geben Zeugnis von einem regen Musikleben in der Stadt, der Pflege von Kirchen-, Haus- und Schulmusik auf hohem Niveau. Anhand der Sammlung sowie der Noten-Autographen und -drucke in der Stadtbibliothek ließe sich die Entwicklung Lübecks zum Musikfestivalzentrum des Nordens erschließen.
  • „Trinken in Lübeck“: Die Provenienz der Barock-Gläser im St. Annen-Museum und die damit verbundenen Trinkrituale im politischen, gesellschaftlichen und privaten Leben der Stadt verlangen nach Kennerschaft im differenzierten Feld der Glaskunst und Anwendung geschichtswissenschaftlicher Methoden, um den Einfluss einer verbreiteten Kulturtechnik auf die materielle Kultur einer Gesellschaft zu erschließen. Anhand des umfangreichen und vielgestaltigen Glas-Bestandes im Museum und durch die Quellenanalyse im Stadtarchiv zu Luxusordnungen, Gastereien, politischen Ereignissen im Verlauf der Jahrhunderte ließen sich offene Fragen wissenschaftlich aufarbeiten.

 

Ansprechpartner: Dr. Bettina Zöller-Stock

Die Lübecker Museen
Kulturstiftung Hansestadt Lübeck
St. Annen-Museum
St. Annen-Straße 15, 23552 Lübeck

Tel. 0451 122 41 43

E-Mail: bettina.zoeller-stock(at)luebeck.de

Website: http://st-annen-museum.de/de/33/home.html