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Lübeck im Ersten Weltkrieg

Lübeck im Ersten Weltkrieg. Vom Augusterlebnis zur „fehlenden“ Novemberrevolution – Eine Stadt im Kriegsalltag

Diana Schweitzer

Der Erste Weltkrieg ist ein Thema, das nie an Aktualität verloren hat. Er gilt als epochaler Einschnitt in unsere Geschichte und hat die Landkarte Europas vollständig neu geschaffen. The Great War – wie ihn die Franzosen und Briten nennen – brachte einen politischen und gesellschaftlichen Wandel. Als erster „totaler Krieg“ in der Geschichte betraf er jeden Mann, jede Frau und jedes Kind der kriegsführenden Staaten – anders als der zuvor vom deutschen Reich geführte Deutsch-Französische Krieg 1870/71. Die erstmals in diesem Umfang auftretende „Heimatfront“ war für die Versorgung der Soldaten lebenswichtig und ließ die Bevölkerung vier harte und entbehrungsreiche Kriegsjahre durchleben. Ein neues Wahrnehmen und Erleben des Krieges setzte ein: Er veränderte die Lebensbedingungen wie Ernährung, Wohnen und medizinische Versorgung, griff in die private Sphäre des Familienlebens ein, veränderte die Rolle der Frau und des Mannes. Er ließ das ehemals blühende kulturelle Leben stocken und verwandelte die lokale Industrie zur Kriegswirtschaft. Die Politik musste sich ebenso den neuen Herausforderungen des Krieges stellen wie die Krankenhäuser und Lazarette, die die zunehmende Anzahl an Kriegsverletzten und -versehrten versorgen mussten. Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts griff in alle Bereiche des täglichen Lebens ein und forderte von allen Menschen ihren Tribut.

Wie wirkte sich dieser Krieg auf das Leben der Bewohner der Freien und Hansestadt Lübeck aus? Wie bewältigten sie den Kriegsalltag? Wie wurde das Leben der Bevölkerung, die Arbeit der ortsansässigen Industrie oder das Wirken der Politik von eben diesem Great War beeinflusst? Die tiefgreifenden Erfahrungen der Menschen an der Front und der Heimatfront brachten einen politischen und gesellschaftlichen Wandel im deutschen Kaiserreich. Lässt sich diese Zäsur auch für die Freie und Hansestadt Lübeck ausmachen? Inwieweit zeigen sich eben jene Veränderungen der Kriegsjahre in Lübeck? Lassen sich die Ereignisse rekonstruieren und führen sie zu einem Bruch mit den altbekannten Strukturen?

Betrachtet man die Ereignisse in Lübeck in den Kriegsjahren, wie sie derzeit in der Forschung erkennbar sind, wird deutlich, dass ein expliziter Umbruch fehlte. Wie in anderen deutschen Städten litt die Bevölkerung in Lübeck unter Hunger und Not, Familien wurden auseinander gerissen und täglich wurde man mit dem Tod konfrontiert, aber trotz allem lässt sich bisher kein grundlegender Wandel feststellen. Selbst die Novemberrevolution, die in anderen Städten die Regierung stürzte, verlief hier ohne tiefgreifende Folgen. Demnach gab es in Lübeck keinen gesellschaftlichen bzw. politischen Umbruch. Stellt sich nun die Frage: Warum gab es ihn nicht?

In dem Dissertationsprojekt über den Alltag in Lübeck während des Ersten Weltkrieges soll dieser Hypothese nachgegangen werden. Anhand einer genauen Untersuchung der einzelnen Lebensbereiche der Lübeckerinnen und Lübecker soll aufgezeigt werden, wie es zu dem fehlenden Umbruch kam bzw. ob sich vielleicht doch ein Wandel in der Lübecker Gesellschaft aufzeigen lässt. Ziel des Rekonstruktionsversuches des Lebens in der Hansestadt während der vier Kriegsjahre ist die Suche nach dem „fehlenden Umbruch“. 

Die Abbildung zeigt die Ausfahrt eines Militärzuges aus Lübeck, 1914 (Bildnachweis: Fotoarchiv der Hansestadt Lübeck).

 

Lebenslauf:

1977 geboren in Lich/Hessen
1997 Krankenpflegeexamen
2002 Abitur in Wetzlar/Hessen
2003–2010 Studium Mittlere und Neuere Geschichte, Deutsche Philologie, Historische Hilfswissenschaften an der Universität Göttingen