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Die Israelitische Gemeinde Lübecks zwischen 1852 und 1918

Die Israelitische Gemeinde Lübecks als ein Beispiel für die Neo-Orthodoxie in Deutschland zwischen 1852 und 1918

Nadine Garling

Die Israelitische Gemeinde Lübeck zählte deutschlandweit zu den sehr wenigen neo-orthodox geprägten Einheitsgemeinden, die sich weder in unterschiedliche Strömungen aufteilte noch abtrennte, wie es in vielen anderen jüdischen Gemeinden im Laufe des 19. Jahrhunderts vorkam. Lübecks Rabbiner Alexander Sussmann Adler und dessen Nachfolger Salomon Carlebach, der zwischen 1870 und 1919 amtierte, waren überzeugte Vertreter der Neo-Orthodoxie, der es um die Verbindung von Tradition und Neuerung ging. Eine um die Jahrhundertwende annähernd 700 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde konnte sich allerdings erst ab 1852 im Zuge der Emanzipationsgesetze etablieren. Ihr Vorläufer war die seit Mitte des 17. Jahrhunderts außerhalb der Stadtgrenzen bestehende Landjudenschaft in Moisling, die dem Altonaer Oberrabbinat unterstand.

In meiner Doktorarbeit untersuche ich einerseits die ökonomisch-soziale Situation der Lübecker Juden zwischen 1852 und 1918 und andererseits die religiös-kulturelle Entwicklung und Transformation von der dörflichen, sehr gesetzestreuen Landgemeinde Moislings hin zur städtischen Gemeinde in Lübeck. Welche Faktoren führten dazu, dass sich hier die neo-orthodoxe Richtung über einen längeren Zeitraum etablieren konnte? Welche Rollen kamen in diesem Prozess dem Rabbiner und dem Vorstand zu und inwieweit wurde diese moderne Form von Religionstreue durch die Gemeindemitglieder getragen? Ich frage darüber hinaus auch nach Beziehungen Salomon Carlebachs zu führenden Vertretern der Neo-Orthodoxie und schließlich danach, ob und inwieweit sich die innerjüdischen Debatten um Religionsreformen auf lokaler Ebene abbildeten.

Die erhalten gebliebenen Gemeinde- und Verwaltungsakten sowie Korrespondenz und Selbstzeugnisse in Form von Tagebüchern und autobiografischen Berichten aus dem Archiv der Hansestadt Lübeck sowie aus weiteren deutschen und israelischen Archiven stellen wichtige Quellen zur Analyse der Binnengeschichte der jüdischen Gemeinde und der Lebensweise ihrer Mitglieder dar. Darüber hinaus werden Volkszählungen, Adressbücher, Steuerlisten und weiteres bevölkerungsstatistisches Material ausgewertet. Die mikrohistorisch angelegte Arbeit zur Lübecker jüdischen Gemeinde soll somit zum tieferen Verständnis des Phänomens der Neo-Orthodoxie und ihrer Sozialgeschichte ab der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts beitragen.

Die Abbildung zeigt die Synagoge in der St.-Annen-Straße in Lübeck.


Lebenslauf:

1980 geboren in Güstrow
1999-2005 Magisterstudium Judaistik und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin und Universität Wien
2006 Museumsmanagement, Weiterbildungszentrum der Freien Universität Berlin
2006-2008 Wissenschaftliches Volontariat im Jüdischen Museum Berlin
2008-2011 Archivmitarbeiterin im Jüdischen Museum Berlin
seit 2012 Doktorandin im Fach Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Hamburg

Email: nadine.garling@zkfl.uni-luebeck.de