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Der wissenschaftliche Blick

Carl Julius Milde und seine Porträts geisteskranker Patienten

Julia Diekmann, M.A.

Die Bedeutung Carl Julius Mildes (1803-1875) für die Hansestadt Lübeck liegt in seiner unermüdlichen antiquarischen und denkmalpflegerischen Tätigkeit, die sich noch heute in mehreren Sammlungen der Stadt ablesen lässt. Der in Hamburg geborene Milde hatte sich in Dresden, München und Rom zum Zeichner und Maler ausgebildet. Von 1838 bis zu seinem Tod lebte er als Zeichenlehrer, Naturforscher, Antiquar, (Kunst-) Wissenschaftler und wissenschaftlicher Zeichner in Lübeck.

Im Rahmen des Promotionsprojekts wird eine Serie von ca. 60 Porträts geisteskranker Patienten erforscht, die Carl Julius Milde zwischen 1828 und 1834 vermutlich im Auftrag zweier Hamburger Ärzte zeichnete. Das Dissertationsvorhaben wird die Porträtserie in einen größeren Kontext stellen, der sowohl kunsthistorische als auch medizin- und wissenshistorische Faktoren berücksichtigt und es ermöglicht, die Bedeutung der Zeichnungen für Psychiatrie und Kunstgeschichte zu definieren.

So wird zu fragen sein, welche ikonografische Tradition für die Abbildung von Geisteskranken zum Entstehungszeitpunkt der Porträts existierte. Wie determinierten die Behandlungsmethoden und medizinischen und philosophischen Theorien zu psychischen Erkrankungen das Bild des Kranken in Medizin und Kunst? Darüber hinaus sind Fragen zur Verortung Mildes in der zeitgenössischen Porträtpraxis und allgemeinen Ästhetik-Diskussion von Belang. Anliegen des Projektes ist es aufzuzeigen, wie künstlerische Praxis und die Objektivität wissenschaftlicher Beobachtung zur Deckung gebracht werden. Ergänzt wird die Erforschung der Porträtzeichnungen durch Untersuchungen einer Serie anatomischer Zeichnungen sowie antiquarischer Zeichnungen, Skizzen und Aquarelle von Mildes Hand. Letztere gehen einerseits einher mit seiner denkmalpflegerischen Tätigkeit, andererseits mit seiner kunstwissenschaftlichen Auseinandersetzung, die sich in verschiedenen, oft durch Lithografien illustrierten Publikationen niederschlug. So sollen die gesamte wissenschaftlich-visuelle Arbeit Mildes und seine ästhetischen Praktiken in einen übergeordneten wissenshistorischen Kontext eingeordnet werden. Dies geschieht unter besonderer Berücksichtigung eines wissenschaftlichen Objektivitätsbegriffs, dessen Entstehung in die Mitte des 19. Jahrhunderts datiert wird. Im Zuge einer Veränderung der Wissenschaftskultur wurde die Idealisierung des Objektes zum Tabu. Dieser Wandel wurde grundlegend für die Praxis wissenschaftlicher Bildgebung: Nicht mehr das Charakteristische oder Typische sollte gezeigt werden, sondern eine getreue „Wiedergabe des Zufalls“ wurde zum Ideal wissenschaftlicher Darstellung.

Parallel zu dieser Entwicklung begann sich die Psychiatrie als eigenständige Wissenschaft zu etablieren. Innerhalb dieses Prozesses fanden vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Publikationen Verbreitung, deren Ziel die Beschreibung von psychiatrischen Krankheitsbildern und ihre Klassifizierung war. Zwar fand in keinerlei Hinsicht eine Idealisierung der Abgebildeten statt, allein der Klassifizierungsanspruch widerspricht dem wissenschaftlichen Objektivitätsbegriff, sodass hier zwei Wissenschaftssysteme zeitgleich nebeneinander existierten.

Einer der ersten, der ein solches Werk mit Abbildungen von Patienten versah, war 1838 der Pariser Arzt Jean-Étienne Esquirol. Die Porträts agierten dabei nicht nur als Illustrationen des Textes, sie sollten anhand der dargestellten physiognomischen Merkmale eines Patienten Rückschlüsse zulassen auf dessen geistige Erkrankung und somit zu einer an äußeren Merkmalen ablesbaren Klassifizierung von Krankheitsbildern beitragen. Da die Porträtserie Mildes gleichfalls im klinischen Kontext entstand, wird zu fragen sein, inwieweit Milde und die beauftragenden Ärzte ein solches Klassifizierungssystem mittrugen und welche Funktion den Porträts über eine geplante Publikation hinaus beispielsweise in Diagnostik und Lehre beigemessen wurde.

Der Fokus des Dissertationsprojektes liegt auf der Porträtserie geisteskranker Patienten, weil sie eine Schnittstelle zwischen Kunst und Medizin repräsentieren. Mildes Zeichnungen von Insekten, anatomischen und kunsthistorischen Objekten weisen ihn bereits als einen Vertreter des neuen Wissenschaftskonzeptes der Objektivität aus. Die Zeichnungen geisteskranker Patienten, mit technischer Brillanz ausgeführt, repräsentieren hingegen das jeweils abgebildete Individuum in seiner Gebrechlichkeit als Mensch. Damit sind diese Zeichnungen gleichzeitig medizinische Abbildung und Kunstobjekt im Sinne einer Porträtpraxis, die das Charakteristische des Individuums in den Fokus rückt.

Grundlage für die Forschungen bilden der künstlerische Nachlass Mildes im Behnhaus Drägerhaus sowie der schriftliche Nachlass des Künstlers in der Stadtbibliothek Lübeck. Es ist geplant, die Ergebnisse des Promotionsvorhabens im Rahmen einer Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

 

Julia Diekmann erlangte nach einer Ausbildung zur Bürokauffrau (1990) und anschließender Berufstätigkeit die Hochschulzugangsberechtigung (2008). Sie studierte Kunstgeschichte und Italianistik (2008-2014) an der Georg-August-Universität Göttingen. 2013 bis 2014 war sie dort Lehrbeauftragte am Seminar für Romanistik. Seit 2012 arbeitet sie am Kunstgeschichtlichen Seminar und der Kunstsammlung der Universität Göttingen, wo sie seit 2014 promoviert.