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„Wenn du beten lernen willst, so fahre zur See!“

Religion in der Schifffahrt des 16. bis 18. Jahrhunderts

Miriam Stamm, M.A.

Das Meer ist gefährlich – lebensgefährlich. Damals noch mehr als heute. Die Schiffe waren aus Holz gebaut, die großen Segel auf den richtigen Wind angewiesen. Jede Reise mit einem Schiff abseits der Küste konnte als Fahrt ohne Wiederkehr enden. Trotzdem brachen in der Frühen Neuzeit die Seeleute mit Gottvertrauen und Abenteuerlust ins Ungewisse auf. So wurde die Frühe Neuzeit zur Epoche der Entdeckungen, die bis heute das Bild unserer Welt prägen.

Auf dem Meer mussten Seeleute mit vielfältigen Gefahren leben. Neben Umweltfaktoren wie Unwetter, stürmischer See oder Flauten konnten auch geografische Gegebenheiten wie Untiefen und Riffe zum Schiffbruch führen. Nicht weniger bedrohlich waren die besonders im Mittelmeerraum aktiven Piraten und die häufig in Nord- und Ostsee fahrenden Freibeuter. Viele Seemänner kannten die Krankheiten, die an Bord eines Schiffes grassierten und den Hunger, wenn eine Schiffsreise länger dauerte als geplant oder der an Bord befindliche Proviant vorzeitig ungenießbar wurde. Die harte körperliche Arbeit und die andauernde Ungewissheit führten zu Spannungen. Erschwerend kam hinzu, dass die Besatzung meist aus Seeleuten unterschiedlicher Herkunftsregionen, hauptsächlich aus Europa, zusammengesetzt war und somit verschiedene kulturelle und religiöse Prägungen aufeinandertrafen. Auf dem sehr begrenzten Raum eines Schiffes, inmitten einer für Menschen lebensfeindlichen Umgebung, musste die Mannschaft trotz der Differenzen eng zusammenarbeiten und -leben.

In der Dissertation wird ein wesentlicher Aspekt des Lebens an Bord eines Schiffes untersucht, der bisher in der Forschung kaum beachtet wurde: die Religion. Sie war für die Menschen jener Zeit von zentraler Bedeutung. Mit der Reformation 1517 begann das Christentum, sich in verschiedene Konfessionen aufzuspalten. Durch das aggressive Gottes- und Kirchenverständnis, das, wie Heinz Schilling formulierte, gegenüber den eigenen Glaubensgenossen integrierend, gegenüber Andersgläubigen und Fremden aus- und abgrenzend wirkte, entwickelten sich Spannungen, die in den „Religionskriegen“ wie dem Schmalkaldischen Krieg (1546-1547), den Hugenottenkriegen (1562-1598) und dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) ihre Höhepunkte fanden. Erst die Französische Revolution und die damit verbundene Aufklärung führten zu einem konfliktfreieren Nebeneinander der verschiedenen Religionen und Konfessionen.

Die Konflikte um die richtige Religion (-sauslegung) wurden nicht nur auf der Ebene der Herrschenden und der Politik ausgetragen, sondern fanden sich auch im einfachen Volk wieder. Da auf einem Schiff keine Möglichkeit bestand, sich bei Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen, und es nur wenige Gelegenheiten gab, dass Schiff wieder zu verlassen, mussten Lösungen für den Umgang mit diesem kritischen Thema gefunden werden, um das Leben aller Personen an Bord nicht zu gefährden.

Anhand von autobiografischen Quellen wie Tagebüchern, Missionarsberichten und Lebenserinnerungen, aber auch von Bordlisten, Segelanweisungen, Predigten, Gebetsbüchern und

Klageschriften soll herausgearbeitet werden, wie die Schiffsbesatzungen mit unterschiedlichen Religionen und Konfessionen an Bord umgingen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den Handlungen und Ritualen, die regelmäßig oder in bestimmten Situationen an Bord des Schiffes ausgeführt wurden. Sie sollen die Wechselwirkung zwischen Religion und Schifffahrt verdeutlichen und zeigen, welche Rolle die Religion für die Seeleute hatte. Abschließend soll untersucht werden, ob das interkulturelle Zusammenleben auf dem Schiff bei den Seeleuten dazu führte, fremden Kulturen und anderen Religionen gegenüber offener zu begegnen.

Der Fokus der Dissertation liegt auf deutschen Schiffen und deutschen Seefahrern, die abseits der Küstenschifffahrt auf den Weltmeeren fuhren. Auch wenn die deutsche nationale Schifffahrt in der Frühen Neuzeit nicht so sehr in den Vordergrund trat wie die der Engländer, Spanier, Niederländer oder Portugiesen, war eine Vielzahl von deutschen Seemännern auf den Meeren unterwegs.

 

Miriam Stamm studierte Geschichte, Soziologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Bremen (2004-2012) und absolvierte danach ein wissenschaftliches Volontariat im Deutschen Schiffahrtsmuseum Bremerhaven (2012-2014). Seit Januar 2015 promoviert sie am Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bremen.