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Die Ikonografie der Seelengeleiter in Kreuzigungsdarstellungen des Mittelalters

Überlegungen zur Verbreitung und Bedeutung eines Bildmotivs

Thekla-Christine Hansen, M.A.

„Heute wirst du mit mir im Paradies sein“, verspricht Christus im Lukasevangelium einem der beiden Schächer, die mit ihm gekreuzigt werden. In Anlehnung an diese kurze, prägnante Bibelstelle entwickelte sich in der spätmittelalterlichen Kunst das Motiv der Seelengeleiter. In Kreuzigungsbildern wird die Seele des einen, der sich reumütig an den Erlöser wendet („Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst“ Lk 23,42), von einem Engel in den Himmel geleitet. Die Seele des anderen jedoch, der sich nicht zu Christus bekennen will, wird von einem Teufel in die Hölle hinabgezogen. Dieses Detail führt dem heutigen Betrachter auf einen Blick die gesamte Lebenswirklichkeit des damaligen Menschen in seinem Schwanken zwischen Bangen und Hoffen, Verdammung und Erlösung vor Augen.

Schon im antiken Griechenland brachte der Götterbote Hermes die Seelen der Toten in den Hades und erhielt dafür den Beinamen Psychopompos, also derjenige, der die Seele begleitet. Von dieser Bezeichnung leitet sich der Begriff Seelengeleiter ab, der sowohl für den Engel als auch für den Teufel verwendet wird. Die Seeleneinholung, wie das Motiv auch bezeichnet wird, ist häufig ein Bestandteil der vielfigurigen, volkreichen Kreuzigungsszene und zeitlich im Spätmittelalter etwa zwischen 1330 und 1530 verbreitet. Geografisch sind die Werke über ganz Mitteleuropa verteilt.

Im Rahmen der Untersuchung der Seelengeleiter sollen neben den Grundlagen zur Chronologie, Topografie sowie der formalen Erscheinung der Seelengeleiter auch die Verbreitungswege und der Transfer von ikonografischen Motiven im Spätmittelalter erarbeitet werden. Die Ergebnisse weisen somit über die Betrachtung dieses Details der Kreuzigung hinaus und lassen Erkenntnisse für die Forschung zur mittelalterlichen Kunst allgemein erwarten.

Dazu werden die Handelswege der Hanse, die Wanderung der Künstler selbst und die Verbreitung von Druckvorlagen berücksichtigt. Die Kreuzigungswerke mit Seelengeleitern der Hansestadt Lübeck stellen den Ausgangspunkt der Untersuchung dar. Dies liegt nahe, da sich anhand von Lübecker Werken die Wanderung des Motivs aus Westfalen in den norddeutschen Raum zeigen lässt.

Das Fragment des älteren Retabels der Bergenfahrer aus der Lübecker Marienkirche (um 1410-1420, heute im St. Annen-Museum) ist das erste bekannte Beispiel mit der Seelengeleiterikonografie in Lübeck. Es wurde von einem sogenannten „Conrad von Soest Nachahmer“ geschaffen, der diesen Notnamen erhielt, da sein Werk deutliche Parallelen zum Wildunger Altar des Conrad von Soest aus Westfalen (1403) aufweist. Der Künstler soll bei der Ausführung des Wildunger Altares beteiligt gewesen und im Anschluss nach Lübeck gegangen sein. Offenbar nahm er dabei auch die Idee der Seelengeleiter aus dem westfälischen Raum mit in den Norden.

In der Folge entstanden einige Kreuzigungsbilder in der Lübecker Tafelmalerei, welche ebenfalls die Seelengeleiter beinhalten. Dazu gehören das Retabel der kanonischen Tageszeiten im Lübecker Dom (um 1420-30), das Greveradenretabel (1494) von Hermen Rode und das Schinkelretabel (1501) aus der Lübecker Marienkirche (beide 1942 zerstört).

Auch der Transfer des Motivs in die Schnitzkunst kann durch den Einfluss lübeckischer Kunst erklärt werden. Dies zeigt sich beispielsweise an den Werken des Lübecker Künstlers Claus Berg. Er verwendete diese Ikonografie mehrmals in seinen in Dänemark gefertigten Schnitzretabeln. Damit übernahm er das Motiv, das ihm von Tafelmalereien beispielsweise aus der  Lübecker  Marienkirche bekannt gewesen sein dürfte und übertrug es in eine neue Gattung. Darüber hinaus trug er damit zur weiteren Verbreitung der Seelengeleiter im skandinavischen Raum bei.

Weitere Fragen, die mit der Dissertation beantwortet werden sollen, befassen sich mit der inhaltlichen Bedeutung dieser Ikonografie. Welche Funktion erfüllten die Seelengeleiter im Kreuzigungsbild? Wie wurden sie von ihren Auftraggebern und den Künstlern geplant und wie von den Zeitgenossen wahrgenommen? Warum hörten die Darstellungen mit Beginn der Reformation allmählich auf? Die Klärung dieser Fragen gibt Auskunft über die Moralvorstellungen des Spätmittelalters und die theologische Ausrichtung der Auftraggeber sowie der Rezipienten, besonders hinsichtlich deren Vorstellungen von Jenseits und Jüngstem Gericht.

 

Thekla-Christine Hansen studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und evangelische Theologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und an der Sorbonne IV in Paris (2005-2013). Seit 2013 ist sie als wissenschaftliche Hilfskraft im DFG-Projekt „Corpus der mittelalterlichen Holzskulptur und Tafelmalerei in Schleswig-Holstein (1200-1535)“ tätig und promoviert an der Universität Kiel.