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Politische Milieus in Lübeck während der Weimarer Republik (1919-1933).

Die Auflösung der Klassengesellschaft in der parlamentarischen Demokratie 

Julian Freche, M.A.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Revolution in Deutschland etablierte sich mit der Weimarer Republik die erste parlamentarische Demokratie im Deutschen Reich. Zu Beginn wurde sie von den Altlasten des Kaiserreichs schwer belastet, musste die Kosten des verlorenen Kriegs und die politische Hypothek der Dolchstoßlegende tragen. Am Ende traf sie die Weltwirtschaftskrise und das Erstarken antidemokratischer Kräfte. Deshalb werden die gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen dieser Phase in der Rückschau oft vernachlässigt. Dabei kam es während der Weimarer Republik zu radikalen Entwicklungen. Von besonderer Bedeutung war die beginnende Auflösung der Klassengesellschaft. Diese hatte sich während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert aufgrund der Undurchlässigkeit sozialer Schichten gebildet. Ausdrucksform dieser Klassengesellschaft waren politische Milieus, die das Leben der Zugehörigen von Geburt an bestimmten.

Milieu als sozialer und politischer Begriff beschreibt ein kulturell geformtes Wahlverhalten, wie die dauerhafte Wählerpräferenz während des Kaiserreichs. Angehörige des Arbeitermilieus wählten sehr selten andere Parteien als die SPD, die als Vertreter dieses Milieus wahrgenommen wurde. Ähnliches galt für die Zentrumspartei, die von Katholiken gewählt wurde. Während der Weimarer Republik blieb eine kulturelle, wirtschaftliche und soziale Spaltung zwar weiterhin bestehen, aber die Strukturen wurden aufgrund der Demokratisierung der Gesellschaft durchlässiger und lösten sich langsam auf. Die Lebensverhältnisse und Aufstiegschancen der Arbeiter etwa verbesserten sich signifikant und damit kam es auch zu einer Aufweichung der bisherigen feste Wählerpräferenz. Deshalb können die Milieus nicht nach Parteien aufgeschlüsselt werden, stattdessen erfolgt die Abgrenzung nach größeren gesellschaftlichen und politischen Strömungen. Als Hauptgruppen für Lübeck ergeben sich das sozialistische Milieu, das aus Sozialdemokraten und Sozialisten bestand, und das konservative Milieu, das bürgerliche, liberale und protestantische Strömungen in sich vereinte. Lübeck ist als Untersuchungsraum hervorragend geeignet, weil es sich um eine eigenständige politische Einheit mit starken Parteien und Organisationen in einem fest umrissenen geografischen Raum handelte.

Für das Projekt werden vier Jahre exemplarisch herausgegriffen und untersucht. Zunächst das Jahr 1919, in dem der politische Wechsel vom Kaiserreich zur parlamentarischen Demokratie stattfand. Dann das Krisenjahr der Republik, das Jahr 1923. Hier kam es zum Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft, zu Hyperinflation und in Lübeck zu Hungerunruhen. 1926 bildet das dritte Untersuchungsjahr. Hier fanden die Feierlichkeiten zum 700. Jahrestag der Stadtgründung statt, Bürgermeister Neumann musste zurücktreten und als Nachfolger wurde mit Paul Löwigt der erste Sozialdemokrat in dieses Amt gewählt. Außerdem kam es zur Gründung des Hanseatischen Volksbundes (HVB), einem Sammelbecken konservativer Strömungen, das eine wichtige Rolle in der Stadtpolitik spielte. Als letztes Beispieljahr dient 1931. In diesem Jahr erreichte die Weltwirtschaftskrise ihren Höhepunkt und die demokratischen Institutionen im Reich verloren zunehmend an Einfluss. 

Die Untersuchung erfolgt zunächst über eine Auswertung der Ergebnisse der Wahlen, wobei sowohl kommunale als auch reichsweite Wahlen herangezogen werden. Anschließend wird die staatliche Überlieferung, die sich im Archiv der Hansestadt Lübeck befindet und weitgehend vollständig vorhanden ist, untersucht. Die wichtigsten Quellen hierbei sind die Protokolle von Senat und Bürgerschaft, die Schul- und Polizeiakten sowie die Überlieferung staatlicher Ausschüsse. Anschließend werden nicht staatliche Akten, etwa von Parteien, Vereinen und Gesellschaften, untersucht. In diesem Zusammenhang erfolgt auch die Auswertung von Zeitungen, vor allem des Lübecker Volksboten für das sozialistische und des General-Anzeiger für das konservative Milieu.

Der Fokus des Forschungsvorhabens liegt auf der Frage, wie sich die politischen Milieus in Lübeck während der Weimarer Republik entwickelten. Untersucht wird hierfür, wie sich die Milieus definierten, organisierten und voneinander abgrenzten und wie sich dies im öffentlichen Leben niederschlug. Dabei wird nicht nur ausgewertet, wie sich das auf politischer und staatlicher Ebene darstellte, sondern auch die private Überlieferung, vor allem von Vereinen, kulturellen Organisationen und Veranstaltungen, wird mit einbezogen. Ziel ist es, die Milieustrukturen in Lübeck zu rekonstruieren und die Frage zu klären, ob es, wie angenommen, nach dem Ende des Kaiserreichs zu einer Auflösung der Milieuzugehörigkeit kam.

 

Julian Freche studierte Geschichte und Archäologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (2006-2013). Er arbeitete als wissenschaftliche Hilfskraft an der Abteilung Regionalgeschichte mit Schwerpunkt Schleswig-Holstein (2013-2014), als freier Mitarbeiter für das Landeskirchliche Archiv Kiel (2010-2014) sowie für das Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum (2014-2015). Seine Dissertation wird von Prof. Dr. Oliver Auge an der Universität Kiel betreut.