ZKFL

Performative Literatur.

Neue Vermittlungs- und Inszenierungsmethoden in Literaturausstellungen

Vanessa Zeissig, M.A. 

Museale Ausstellungen stehen in der Tradition, öffentliche Bildungsorte zu sein, die kulturelle Güter sammeln, bewahren und vermitteln und damit die Herausbildung kultureller Identitäten und den Transfer von Wissen ermöglichen. Die szenografische Arbeit in Ausstellungen bedeutet vor allem, Inhalte im Raum erfahrbar zu machen und sie mit den BesucherInnen in Bezug zu setzen. Die Übersetzung in den dreidimensionalen Raum ist immer an ein Narrativ geknüpft, welches eine Selbst-Erfahrung eröffnet und sowohl Interpretationsspielraum als auch eine Identifikationsmöglichkeit zulässt. Um eine nachhaltige Vermittlung zu ermöglichen, geht es darum, alle Wahrnehmungssinne anzusprechen, die Erfahrung auf eine emotionale Ebene zu heben und die BesucherInnen aktiv einzubeziehen.

In einer Zeit der Gegenwartsschrumpfung, der Unsicherheit und der performativen Tendenz der Kultur bildet sich die Notwendigkeit heraus, das Medium Ausstellung neu zu denken. Der stetige gesellschaftliche Wandel, der mit veränderten moralischen Werten, wechselnden Interessenschwerpunkten und technologischen Innovationen einhergeht, konfrontiert das gesamte Ausstellungswesen mit einem Grundproblem: Es werden dabei nicht nur Fragen nach einer Entwicklung von neuen Vermittlungs- und Inszenierungsmethoden gestellt, sondern die Legitimation des Mediums Ausstellung per se angegriffen. Werden Ausstellungen in Zukunft Bestand haben? Kann das Format durch Neuerungen weiterhin als Wissensmedium im Zeichen des Edutainments funktionieren oder müssen radikalere Veränderungen umgesetzt werden?

Literaturausstellungen stehen dabei vor einer besonders großen Herausforderung: Bei der Debatte um eine Revolutionierung der szenografischen Arbeit und des Mediums Ausstellung geht es im Fall der Literatur um die generelle Ausstellbarkeit des Inhalts.

Mit der Herausbildung des sogenannten Dichtergenies erhielten erstmals Autografen und Lebensdokumente Einzug in die exponierten Sammlungen und drängten damit die inhaltliche Seite der Literatur in den Hintergrund. Die frühen Literaturausstellungen im 19. Jahrhundert wurden von der Biografie des Autors dominiert und fokussierten weniger auf die Literatur als auf das Umfeld und die Beweggründe ihres Verfassers. Anfang des 20. Jahrhunderts, dem sogenannten Goldenen Zeitalter der Literaturausstellungen, folgte die Trennung von Autor und Werk. Doch auch hier zeichnete sich weiterhin die Hervorhebung der Werkentstehung statt des Literarischen selbst ab. Weitere Umwälzungen, wie die Ahistorisierung und Verehrung des Originals nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die medienphilologische Umorientierung hin zur Inszenierung seit den 1970er Jahren prägten das Format immens. Im 21. Jahrhundert werden in Literaturmuseen noch immer vorrangig die Biografie des Autors und die Entstehungsgeschichte eines Werks vorzugsweise am authentischen Ort ausgestellt. Der Inhalt, also das tatsächlich Literarische, kommt nicht zuletzt deshalb zu kurz, weil es bei der Visualisierung, also beispielsweise bei der Übersetzung in Raum oder Film, stets eine Verschiebung seines Mediums provoziert und damit eine Art Dogma der Museumswelt zur Unausstellbarkeit von Literatur mit sich bringt.

Mit dem Grundproblem des Ausstellungsmediums gewinnt die Frage nach der Ausstellbarkeit von Literatur heute mehr denn je an Bedeutung. Was aber sind neue Lösungsansätze, um Literatur in Hinblick auf den gesellschaftlichen Wandel und die Legitimationsnot von musealen Ausstellungen in Zukunft zu vermitteln? Kann Literatur ohne Autor und ohne ihre Metaebene exponiert werden? Und was passiert, wenn das Problem nicht die Literatur, sondern das Ausstellungsformat generell ist?

Das Promotionsprojekt nimmt sich dieser Problematik an und soll am Beispiel der literarischen Ausstellungen die Veränderungen des gesamten Ausstellungswesens und dessen Zukunftspotenzial untersuchen.

Die Arbeit an Literaturausstellungen bietet dem Projekt ein breites Forschungsfeld. Durch ihr biografisches und historisches Format, die immaterielle und materielle Seite von Literatur sowie den oftmals authentischen Ort als literarische Gedenkstätte wird ein Großteil der wichtigsten Bereiche des Ausstellungswesens für eine fundierte Forschung abgedeckt.

Ziel des Dissertationsvorhabens ist es, alternative Herangehensweisen an das Ausstellen generell und von Literatur im Speziellen zu untersuchen. Im Zentrum steht die Erforschung und methodisch-systematische Fundierung von neuen Vermittlungsmethoden des Wissensmediums oder alternativen Formaten. Dazu werden vergleichend die Entwicklung von Literaturausstellungen, neue Ausstellungspraktiken wie die narrative Erzählweise, die Partizipation und das soziale und performative Ausstellen sowie lernpsychologische Aspekte herangezogen.

Das Vorhaben arbeitet mit der Annahme, dass die Vermittlung eines musealisierten Themas in Form der klassischen institutionellen Aufgaben in Zukunft keinen Bestand mehr haben wird. Es wird davon ausgegangenen, dass sowohl die Kontextualisierung von Gegenwart und individuellen Erfahrungen der BesucherInnen als auch performative Vermittlungsmethoden und neue Formen der Lesbarkeit von Literatur Ansätze für die Entwicklung von neuen Methoden der Literaturvermittlung und -inszenierung darstellen.

Das Forschungsvorhaben ist im Rahmen des „Lübecker Modells“ an ein wissenschaftliches Volontariat im Lübecker Literaturmuseum Buddenbrookhaus geknüpft und wird dadurch Erfahrungswerte aus dem aktuellen Museumsbetrieb und seinen „Laborausstellungen“ sowie aus dem anstehenden Umbauprojekt des Museums in die Dissertation einfließen lassen.


Vanessa Zeissig studierte Raumstrategien/Interior Design B.A. an der Muthesius Kunsthochschule Kiel (2007-2010) sowie Architektur/Exhibition Design M.A. am exhibition design institute der Fachhochschule Düsseldorf (2011-2013). Berufserfahrung sammelte sie unter anderem im Estudio Mariscal in Barcelona und als Projektmanagerin für Szenografie in Heidelberg. Seit 2015 promoviert sie im Bereich Ausstellungsgestaltung und absolviert ein wissenschaftliches Volontariat am Literaturmuseum Buddenbrookhaus in Lübeck („Lübecker Modell“).