ZKFL

Das Ungenaue erleben.

Museale Vermittlung im Günter Grass-Haus durch den Einsatz digitaler interaktiver Medien

Julia Wittmer, M.A.

„Seht, sagt die Zeichnung, wie wenige Wörter ich brauche; hört, sagt das Gedicht, was zwischen den Linien ist. […] Es sind die Grauwerte, die unsere Wirklichkeit tönen, stufen, eintrüben, transparent machen. Weiß ist nur das Papier. Es muss befleckt werden, mit harter oder brüchiger Kontur belebt oder mit Wörtern besiedelt werden, die die Wahrheit immer neu und jedes Mal anders erzählen“ schrieb Günter Grass 1997 in ,,Der Autor als fragwürdiger Zeuge“ – Bin ich nun Schreiber oder Zeichner?

Um alltägliche Gegenstände von einer nicht vertrauten Seite darzustellen und so Fragen aufzuwerfen, die nicht vollständig beantwortbar sind, bediente sich der gelernte Bildhauer Grass oft der Anordnung vielschichtiger und widersprüchlicher Elemente. Seine in gegenständliche Formen arrangierten Fragmente verweisen immer wieder auf das Unsagbare und Unbestimmte; auf das Unsichtbare, das die Welt durchdringt. Der Künstler schaffte es, mit seinen gattungsübergreifenden Werken Gewohntes in befreienden Zweifel zu ziehen und mit als selbstverständlich erachteten Maßstäben zu brechen.

Im Kontext der Sammlungsausstellung „Das Ungenaue genau treffen“ im Günter Grass-Haus in Lübeck konzentriert sich das Promotionsprojekt auf die Vermittlung des sogenannten Ungenauen im vielschichtigen Werk des Nobelpreisträgers. Es wird untersucht, wie sich das Ungenaue bei Günter Grass manifestiert und ob sich mit Hilfe Neuer Medien Erlebnisse kreieren lassen, mit denen dieses adäquat vermittelt werden kann.

Relevant ist dabei die Direktive des Europäischen Handbuchs: Museen und Lebenslanges Lernen von 2010, die folgendes fordert: „Museen bieten ideale Bedingungen für ‚informelles Lernen‘. BesucherInnen verlassen das Museum mit einem Wissenszuwachs, haben Fähigkeiten, Verständnis oder Inspiration erlangt, die einen positiven Einfluss auf ihre Leben haben.“

In der digitalen Ära obliegt es den Museen, sich der Herausforderung dieser von Vielschichtigkeit und Nichtlinearität geprägten Zeit zu stellen. Von ihnen wird gefordert, dass sie ihre bildungspolitische Funktion weiterentwickeln, ein immer breiteres Publikum ansprechen und sich der Auseinandersetzung mit der zunehmend digitalen Vernetzung des alltäglichen Lebens und der damit verbundenen Perspektive stellen.

Im Rahmen des Lübecker Modells des ZKFL werden musterhafte digitale Entwicklungen des Instituts für Multimediale und Interaktive Systeme (IMIS) der Universität zu Lübeck dazu genutzt, im Günter Grass-Haus kunstpädagogische Konzepte mit digitalen Installationen zu verwirklichen.

Das Günter Grass-Haus bietet als Forum für Literatur und Bildende Kunst einen hervorragenden Forschungsrahmen. Das Haus offeriert dem Publikum bereits seit 2012 ein partielles kuratorisches Mitbestimmungsrecht und ist partizipativ konzipiert. Darüber hinaus ist die Sammlung multimedial und multiperspektivisch arrangiert, wodurch ein systemischer Zugang zum Œuvre und Leben des Schriftstellers ermöglicht wird. Die Anreicherung des Hauses mit Neuen Medien soll weitere Erlebnisräume schaffen, in denen auf individuelle Voraussetzungen und Bedürfnisse zugeschnittenen Erfahrungen möglich sind

Zwei konkrete prototypische Anwendungen des IMIS werden im Zuge des Forschungsvorhabens angepasst und erweitert. Eine Smartphone-Applikation und eine stationäre Interactive Wall werden hierbei unter einem gemeinsamen kunstpädagogischen Entwurf zusammengefasst. Mit qualitativen Evaluationen unter Schülern wird analysiert, inwieweit der Einsatz der Installationen geeignet ist, das Multiperspektivische, Vielschichtige und Mehrdeutige innerhalb des Grass‘schen Werks im Museumskontext zu vermitteln.

Forschungsziel der Arbeit ist, zu klären, ob sich aus einer bedeutungsvollen Digitalisierung innerhalb eines Museums ein besonderer Mehrwert ergibt. Im Literaturmuseum Günter Grass-Haus stellt sich diese Frage in einem Spannungsfeld von Gegenständlichkeit und Virtualität. Schließlich war Grass ein überzeugter Künstler des Gegenständlichen, verwies damit allerdings häufig auf nicht Greifbares und Mehrdeutiges. Ebenso wird die Frage berücksichtigt, wie sich diese neue Art der Kunstvermittlung auf den Prozess des lebenslangen Lernens auswirkt, der als kultureller Auftrag des Museums definiert ist.

 

Julia Wittmer studierte Kunstgeschichte, Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaften und Klassische Archäologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seit März 2014 arbeitet sie im Zuge des Lübecker Modells als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Günter Grass-Haus in Lübeck und promoviert an der CAU Kiel.